Commander Alf

 Commancder Alf

Gerade noch einmal gut gegangen… oder

Eine würdige Überraschung zum Geburtstag

Alfred Vejchar (SFGW) zum 70. Geburtstag herzlichst gewidmet von Gia aka Lygia Simetzberger

Alles fing ganz harmlos mit einer fröhlichen Geburtstagsparty an, an der schon etwas reifere Semester teilnahmen. Mehr als ein Dutzend langjähriger Freunde tummelte sich noch zu spätabendlicher Stunde in der Villa nahe der Metropole. Das Fest fand im großen stimmungsvollen Dachgarten des Gastgebers statt, über den Dächern einer mondänen Vorstadt am Rand der Alpen. Da der Gastgeber schon ein Weilchen in ein Zwiegespräch vertieft war, begannen sich die Gäste nach und nach selbst Wein und härtere Getränke nachzuschenken. Sie bedienten sich entspannt am üppigen, festlich geschmückten Buffett und genossen die ungewöhnlich milde Temperatur bei sternklarem Himmel.

Der Hausherr, Gastgeber und Geburtstagskind in Einem, hatte ganz gegen seine Gepflogenheiten ein oder zwei Gläschen zu viel getrunken. Er thronte in der eleganten, von Olivenbäumchen seitlich ein wenig abgeschirmten Hollywoodschaukel, die er sich vor kurzem gegönnt hatte. Zu seiner Linken seine neueste Begleiterin auf Zeit, in einem entzückenden silbrigen Kleid und mit kunstvoll gelegtem Haar, die ihm treu ergebene zierliche Grace, mit der er sich bestens unterhielt. Frohes Geplauder und Gelächter wogte zu ihnen herüber.

Im Hintergrund war sanfte Musik zu hören, die die Feierlichkeit des Abends angenehm unterstrich. Eine Wonne, an einem dieser raren milden Abende den Nachthimmel zu bestaunen! Doch die meisten Gratulanten waren ins Gespräch vertieft – und natürlich galt die Konzentration auch den vielfältigen Köstlichkeiten, die aufgetischt waren.

Nur Gregor, Jane und Sam, alle drei schon seit Jahren befreundet und mit einem Hang zur Mystik ausgestattet, blickten wiederholt nach oben und genossen das Gefunkel der Sterne. Ihr Small Talk drehte sich um Zeitreisen und die Existenz außerirdischer Intelligenzen. Jane war davon überzeugt, dass der gesamte Kosmos von intelligenten Lebensformen belebt ist. Es entspann sich eine angeregte Diskussion zwischen den Freunden.

Inmitten dieser unbeschwerten Partystimmung erklang plötzlich ein eigenartiges Rauschen, und der Boden schien zu schwanken. Ein sonderbares Wabbern und flackernde Lichterscheinungen ließen die vertraute Realität in den Hintergrund treten. Bläuliche Lichtspiralen schlängelten sich am Boden. Vor dem ungläubig staunenden Jubilar ergoss sich eine gleißende Lichtsäule vom Himmel und verblasste auch schon wieder. Was ging da vor?

Aus dem Licht traten zwei schlanke Gestalten, in schimmernde, enganliegende Kleidung gehüllt. Schlicht, aber eine sanfte Würde ausstrahlend, standen die beiden da, während sich die vertraute Umgebung aufzulösen schien. Ihre ebenmäßigen Gesichter signalisierten einen verfeinerten Entwicklungsstand. Ihre an die zwei Meter großen Körper hatten etwas Halb-Ätherisches an sich. Sie grüßten mit einem Nicken und offenen Handgebärden. In anderen Zeiten hätte man sie wohl für eine Engelserscheinung gehalten.

Mit einer sanften, klaren Stimme begann eine der beiden Gestalten zu sprechen: “Space Captain Commander Alf! Wir beglückwünschen dich zu deinem siebzigsten Erden-Geburtstag und übermitteln dir herzliche Grüße von allen deinen Freunden in der Region Mana-Choma (Aussprache: aspiriertes „h“) im Malidana-Nebel (37 Millionen Lichtjahre entfernt). Lange Menschenjahre erfüllst du nun getreu deine Mission. Als Geburtstagsüberraschung laden wir dich ein, ein wenig Auszeit im Kreis deiner Sternenflotte zu nehmen.”

Alf ist wie vom Donner gerührt. Er erhebt sich fast schwerelos von seiner Hollywood-Schaukel und tritt in ihre Mitte. Die beiden Wesen berühren ihn an den Schultern und lösen dadurch eine sofortige Endotronen-Transformation aus. Alfs vertraute irdische Gestalt verschwindet. Stattdessen steht ein drittes Sternenwesen vor Grace. Doch die Lady auf der Hollywood-Schaukel bekommt das Ereignis gar nicht mit! Sie ist in entspannter Haltung eingeschlafen und lächelt, als würde sie im Traum Wunderbares erleben.

Commander Alf hat indessen mit seinen Freunden aus dem All die irdische Dimension verlassen. Er genießt die Leichtigkeit, die durch die höheren Frequenzen bedingt ist, und tauscht Erinnerungen aus. “Wie steht’s neuerdings auf der Erde, was erkennt ihr anhand eurer Messungen?” Alfs stellvertretender Kommandant Hiri antwortet: “Space Captain, die Lage ist ernst, aber es besteht Hoffnung. Überall werden Menschen bewusster und beginnen Zusammenhänge zu erkennen, die bisher verschleiert waren. Doch lassen wir solche Themen an deinem Festtag! Wie wär’s mit einem Rundflug? Just for fun und damit du’s nicht verlernst, Space Commander!” Captain Hiri zwinkert fröhlich mit den Augen.

Sein Begleiter und Assistent Zohiru, der zweite stellvertretende Commander, winkt mit einer gekonnten Handbewegung ein Raumschiff von beachtlicher Grüße herbei. “Commander Alf, wir halten deine Alfa Shuna B 3-1-015 (Schiff der 9. Shuna-Generation mit 750 Metern Seitenlänge, interdimensional kommunikations- und lernfähig) selbstverständlich in Ehren und pflegen sie sorgfältig”, so Captain Hiri. “Unseren Technikern auf Mana-Choma 1 sind einige fantastische technische Weiterentwicklungen gelungen, die auch deinem Schiff zugutekommen. Und die Sound-Administratorinnen von Mana-Choma 7 konnten geniale neue Hypersound-Sequenzen entwickeln, die in Kombination mit der Mono-Wartung zu extremer Langlebigkeit und Zuverlässigkeit von Schiffen dieser Klasse beitragen.”

Commander Alf freut sich über die geglückte Überraschung und begibt sich in den Zentralraum seines mächtigen Fahrzeuges, dabei die Leichtigkeit der auf manchomanische Bedürfnisse eingestellten Atmosphäre genießend. Dort empfangen ihn die übrigen Mitglieder seiner Crew, als wäre er nie weggewesen. “Wohin soll der Flug gehen, Commander?” fragt der für diesen Flug zuständige Navigator Uru-Chan. Gemeinsam definiert man anhand der Kosmokarte einen Rundkurs, und schon geht die Vergnügungsreise durchs All los.

So ganz nebenbei unterhalten sich die alten Freunde über ihre abenteuerlichen gemeinsamen Raumpatrouillen in Jugendjahren, über den Werdegang Angehöriger und Bekannter und über persönliche Erkenntnisse. Auch über neue Forschungsergebnisse wird eifrig ausgetauscht. Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist doch etwas Anderes als die übliche telepathische Konversation… Und es geht nichts über eine herzliche Umarmung! Da hat sich unter Humanoiden auch auf fortschrittlicheren Ebenen nichts geändert…

Ein treuer Raumgefährte, der Commander Alf schon während der Telemanifestations-Grundausbildung auf Chanu Lo-Kava I kennengelernt hatte, berichtete seinem Captain von einem außergewöhnlichen Ereignis. “Nur ein einziges Mal während deiner Sondermission auf Terra-Gaia erlebten wir eine brenzlige Situation,” erzählt Tur-Iduwan. “Nur elf Chuna-Umdrehungen ist dieses unangenehme Ereignis her… Grimchucks, diese leider ziemlich lernunwilligen Raumpiraten, vagabundierten in unserem Quadranten und versuchten in unsere Lebenssphäre einzudringen. Auf kosmisch völlig unzulässige Weise erhöhten sie ihre Eigenschwingung sowie die Frequenzen ihrer Schiffe.

So vermochten sie unseren bislang so bewährten Naotan-Schutzschild zu durchdringen. Doch wir reagierten blitzschnell. Die üblen Burschen wurden durch die Reflexion ihrer eigenen Störimpulse in die Flucht geschlagen. Kaum waren sie entschwunden, verstärkten wir unser planetares Energiegitter, damit sich ein derartiger Vorfall nie wieder ereignen kann. Es war gerade noch einmal gut gegangen! Der Vorfall wurde selbstverständlich unverzüglich dem Galaktischen Rat für harmonische Koexistenz gemeldet und im Kristallbuch “Überwindung disharmonischer Vorkommnisse” gespeichert. Du kennst das “ÜDV” ja von deiner zweiten Exkursion als Captain. Damals gab’s auch eine äußerst gefährliche Situation.”

Space Captain Commander Alf nickte schmunzelnd und fragte: “Und was bekommt euer Volk denn von Terra-Gaia eigentlich so mit?” – “Nun,” meinte Commander Uru-Chan anerkennend, “Wir sind voll Bewunderung dafür, dass du es in diesem verrückten Kindergarten so lange unbeschadet aushältst und dir deinen Humor bewahrst!”

“Ist nicht immer so leicht in einer so extrem unterentwickelten Zivilisation! Doch zum Glück gibt es auch auf Terra-Gaia so Manches, das Spass macht: sportliche Wagen, leidenschaftliche Frauen, leckere Speisen und erlesene Getränke. Es gibt etliche Liebhaber von Science Fiction und spannende Forschung in vielen wissenschaftlichen Disziplinen. Der terrestrische Wissensstand wäre gar nicht einmal so übel, aber die Anwendung… naja. Auch Fans angebissener Äpfel laufen recht zahlreich herum…” Commander Alf blickt in verwirrte Gesichter. Er erzählt und erklärt, den midomodularen Walim-Shake in der Hand, typisch Erdenhaftes, bis die Zeit zur Rückkehr gekommen ist.

An den Mana-Chomanern ziehen atemberaubend schöne Galaxien vorbei. Einige weitere  Schiffe der mana-chomanischen Sternenflotte zeigen sich kurz, grüßen tänzelnd und ziehen weiter. Telepathisch werden Grußbotschaften ausgetauscht, auch nachdem die Fahrzeuge wieder verschwunden sind. Geräuschlos steuert das komfortable Schiff durchs All und legt innerhalb kürzester Zeit Distanzen zurück, die den Erdenbewohnern unfassbar erscheinen würden.

Als der Moment des Abschieds naht, stellen die Herren von der Crew ihrem Commander stolz ihre Frauen vor, denen es ausnahmsweise erlaubt war, an diesem Sonderflug teilzunehmen. Da es unter Mana-Chomanern gebräuchlich ist, sich mit drei oder mehr Partnerinnen zu verbinden, gibt es kurzfristig ein beträchtliches Gewimmel im Kommandoraum. Erfrischungen werden gereicht, es wird sogar gesungen und getanzt… Kurzum, es kommt nun vollends Geburtstagsparty-Stimmung im Raumschiff auf.

Der Space Captain kann sich wohlwollend davon überzeugen, dass seine Crew guten Geschmack beweist. Sind doch alle Ladies von ausgesprochenem Liebreiz und prächtiger Figur. Manche von ihnen ähneln frappierend schönen Frauen auf Terra-Gaia, denen er begegnet war… Die telepathischen Bildübermittlungen der Crew erweisen sich als praktisch. Kann Alf doch jetzt viele der hübschen Damen gleich mit ihren Namen ansprechen. Sie grüßen ihn mit sanftem Charme und gratulieren ihm zu seinem Erden-Geburtstag. Dass Alf in seiner Gestalt als Terra-Gaianer verhältnismäßig alt wirkt, wird höflich ignoriert. Weiß man doch, dass Erdlinge weit rascher altern. “Doch wenn meine Mission auf Terra-Gaia beendet ist, erwartet mich ja gleich meine Biotransformation im TRE-Juvinator”, tröstet sich Commander Alf in Gedanken. Die vielen Glückwünsche und die zahlreichen herzlichen Umarmungen berühren den Commander sehr und zaubern ihm ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht…

Doch da, erneut ein merkwürdiges Wogen, Wabbern, Flackern. Schwankende Empfindungen, ähnlich wie bei einem Erdbeben. Ein leichtes Rauschen war zu vernehmen. Und schließlich ein kaum wahrzunehmender Ruck. Ein greller Lichtschein nimmt Alf einen Augenblick lang die Sicht. Vor sich sah er etwas Silbriges glänzen. Er versucht mit seiner Erdenschwere klarzukommen und vernimmt wie aus weiter Ferne die besorgte Stimme seiner Gefährtin. “Hey, geht’s dir wohl gut, Alf?” fragt Grace besorgt. “Schau, mir ist nichts passiert, und dich konnten sie auch noch rechtzeitig stützen, als deine Hollywood-Schaukel zusammenbrach! Die war ja noch nagelneu…! Und das ausgerechnet an deinem Geburtstag! Das ist gerade noch einmal gut gegangen!”

Auch sein Freund Gregor kann sich nicht einer Äußerung enthalten. “Mensch! Du hast es gar nicht mitbekommen! Du hattest so ein glückseliges Lächeln drauf, als hätte sich im Traum dein ewiger Wunsch nach einem Flug durchs All erfüllt!” Jane und Sam, die insgeheim schon lange von einer solchen Weltraum-Reise träumen, nicken beipflichtend.

“…von wegen Mensch!”, murmelt Alf, der sich soeben vor seiner leicht ramponierten Hollywood-Schaukel stehend wiederfinden musste, noch etwas wortkarg, allmählich in seine irdische Realität zurückfindend. “Mana-Chomaner…! Mana-Chomaner…!” Aber weder Grace noch die besorgten umstehenden Partygäste, die helfend eingesprungen waren, können etwas mit dieser Äußerung anfangen, die für sie nur wie ein Gemurmel klangen. Der Sturz wird Alf ein wenig verwirrt haben, meinten sie. Der aber schüttelt sich, zupft seine Kleidung zurecht und scheint nun wieder ganz der Alte zu sein.

Alf zupft seinen Anzug zurecht, nimmt seine noch leicht geschockte Grace in den Arm, lächelt der ahnungslosen Freundesrunde zu. Gemächlich schlendert er mit seiner Lady zum westlichen Geländer seiner geräumigen Dachterrasse und schaut zum bestirnten Nachthimmel empor. “Oh… Ja…! Ich sollte es ihnen aber doch noch rasch telepathisch mitteilen…!” fällt ihm ein.

Und schon landet sein telepathischer Funkspruch bei der Crew von Alfa Shuna B: “Ihr verdammten Mistkerle!!! – Nein, nein, ist schon gut – war eine punktgenaue Landung! Nahezu perfekt! Materialschaden unbedeutend! Aber mit dem Beamerstrahl solltet ihr doch ein wenig achtsamer umgehen. Vor allem achtet besser darauf: Der für Erdlinge sichtbare Anteil des Lichtspektrums sollte tunlichst vermieden werden! Das Aufblitzen zum Glück so kurz, dass es keiner meiner Festgästen bemerken konnte. Sind ja auch alle schon ziemlich angeheitert! Ach, das kennt ihr ja nicht… Na, einiges ist schon recht lustig hierzulande. Jedenfalls, habt Dank für euer wundervolles Überraschungs-Geschenk! Ich werde es immer in Erinnerung behalten!”

Während sich Grace eng an Alf schmiegt, meint sie verträumt: “Du, Alfie, schau ma! Es sieht fast so aus, als würde der Stern da droben besonders funkeln – irgendwie unregelmäßig – fast, als ob er sprechen würde!…”

Weibliche Intuition? Nun, nur zum Teil. Wie konnte Grace auch ahnen, dass sich soeben die Alfa Shuna B von ihrem Commander verabschiedet – und ihm mehrmals aus der Ferne zugeblinzelt hat…?

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