Bitches Brew

Bitches Brew

Gia Simetzberger

August 2012

Nichts, aber auch schon gar nichts ist fröhlich in diesem windigen Winkel, in diesem urbanen Mikrokosmos ohne Namen, von der Stadtverwaltung schlicht als Sektor 2429 RS 31 ausgewiesen.

Er wurde seltsamerweise von vier Frauen geschaffen, die nicht unterschiedlicher sein können: von der roten Veronika, Architektin, der Stadtpoetin Silvia in ihren olivgrünen Gewändern, von der verruchten Claudia mit ihrer kühnen Vision, dem Mond bunte Punkte aufzumalen, und von der magisch-universellen Cathy, die der Wind ausgerechnet von den Shetland Inseln in diese versteckte Namenslosigkeit verweht hat.

Im Internet beschlossen die Vier gemeinsam ihren spontanen Rückzug. Mit ihren bisherigen Leben und Lovern hatten sie abgeschlossen. Sich um nichts mehr kümmern, war ihre Intention. Alle Koffer blieben für reine Ego-Reisen in alle Welt gepackt.

Und sie begannen, sich eine neue Wirklichkeit zwischen Traum und Märchen zu erschaffen.

Kein gewöhnliches irdisches Wesen findet Zugang zu diesem märchenhaften Areal mit seinen schrägen Häusern. Der Sektor 2429 RS 31 ist von einer hauchdünnen Wand aus einem neuen Material umgeben, nur für Insider und für manche Wildtiere wahrnehmbar. Aber auch kein Tier betrat das Areal. Irgendwie war es dort auch ein bisschen gruselig.

Um die Seelen der Vier aber legten sich Schleier um Schleier, da sie zu vergessen begannen. Die vier trafen sich jeden Abend im obersten Stockwerk des Haupthauses, hinter den zwei dunklen zylindrischen Anlagen, deren Funktion nur Veronika und ihrem dreibeinigen Gehilfen bekannt war.

Sie brauten eine sonderbare Mischung aus Himbeerblättern, Hanf und Eisenkraut mit Schokostreusel, Sternanis und Zimt und entwarfen Maschinen, die niemals funktionieren könnten, fürs Funkmuseum nebenan.

Mieter, die das sondercodierte Versteck schätzten, kamen und gingen rasch wieder.

Im elften Jahr verpuppten sich die Vier auf einem spinnenreichen Dachboden. Nach weiteren drei Jahren  waren ihnen Fühler und Flügel gewachsen. The point of no return. Wie Motten versammelten sie sich auf dem letzten Fleckchen Grün.

Ein grauhaariger Diener kam mit riesigen Krügen angelaufen, die Hälfte verschüttend.

Seine Herrinnen hatten in seinen Augen alles Menschsein abgelegt. Unklare Gestalten der   Anderswelt.

Eines Nachts verschwanden sie. Am nächsten Morgen breitete sich das Areal 2429 RS 31 im Sonnenlicht aus, und die unsichtbare hauchdünne Mauer verschwand.

Alle Betonflächen ergrünten nach und nach. Die Bewohner benannten es um in „Viertel des tanzenden Grüns“.

An die vier Gründerinnen erinnerte ein Denkmal mit vier geflügelten Gestalten mit vom Bildhauer idealisierten Gesichtern.

„Sieh‘ doch, Mami“, ruft ein kleiner Junge. „Vier große Engel!“