Die Zwieblinge

Also, mein Name ist Kuno, und ich lebe in einem fünfstöckigen Wohnhaus auf der dritten Etage. Seit Jahren versuche ich gesund zu leben, habe ein wenig kochen gelernt und fürhe mit meiner Frau gemeinsam den Haushalt. Moderne Zeiten! Ach ja, und ich arbeite in einem Planungsbüro und mag meinen Job.

Ich erzähle euch jetzt etwas und bin gespannt, wie ihr darauf reagiert. Mir jedenfalls ist es nicht egal, was seit Anfang März geschah.

Begonnen hat es mit einem schockierenden Traum in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Meine Freundin Mae verbrachte gerade einen Urlaub bei Verwandten in ihrer alten Heimat. Ich lag also ganz allein in meinem komfortablen neuen Boxspringbett.  Es musste schon die Morgendämmerung eingesetzt haben. Ich hatte mir was zu trinken aus der Küche geholt und wollte weiterschlafen. Mit geschlossenen Augen döste ich ein Weilchen vor mich hin und war wohl nahtlos in einen Tiefschlaf gesunken. Doch der Traum… Er wirkte völig real.

IMG_0608Also, ich lag da und blickte nach oben. Wie der Blitz schoss ein Schock durch meinen ganzen Körper. Über mich gebeugt standen drei Wesen mit riesigen Zwiebelköpfen und starrten mich an. Alles an ihnen war zwiebelfarben, Mund, Augen, Nase und bodenlange Roben. Ihre Körper sah ich nur aus den Augenwinkeln, denn ich war vor Schreck wie gelähmt und wagte mich nicht zu bewegen.

Der mittlere Zwiebelkopf begann mit sonorer Stimme, fast beschwörend, auf mich einzureden. „Erdling! Das Maß ist voll! Wir haben lange genug untätig zugeschaut, aber nun ist die Stunde gekommen, dir Einhalt zu gebieten!“

Was habe ich nur verbrochen, fragte ich mich in meinem wehrlosen Zustand. Ich war mir keiner Schuld bewusst. „Erdling namens Kunoooo! Jahr für Jahr tötest du unsere kleinen Brüder, o

hne dir darüber jemals Gedanken zu machen. Ja, von den Zwiebeln ist die Rede! Du zerschneidest sie, zerhackst sie, tagtäglich, einfach skrupellos. Sie können nicht davonlaufen, sie können nicht schreien, sie versuchen sich verzwiebelt zur Wehr zu setzen, indem sie ein Brennen in deinen Augen hervorrufen. Du ignorierst ihren Schmerz, du ignorierst ihren Kampf ums Überleben, haust sie zerstückelt in die Pfanne oder verarbeitest sie in Saucen. Grausam!“

„Aber, aber!“ rief ich entsetzt aus und richtete mich auf. „Ich habe doch keine Ahnung…!“ Die drei mächtigen Zwieblinge nicken bedächtig. Ihr Sprecher setzt fort. Ja, so ist es mit euch Erdlingen! Ihr habt keine Ahnung und wollt auch keine haben. Denn eure Forscher können sehr wohl bestätigen, dass nicht nur Tiere, sondern auch Pflanzen spüren, wenn ihnen Gefahr droht und wenn es mit ihnen zu Ende geht. Und dass sie auf ihre Weise versuchen, sich dagegen zu wehren. Wir, die Schutzgeister der Zwiebeln in deiner Region, fordern dich auf, künftig keiner Zwiebel mehr zu nahe zu kommen, geschweige denn sie zu verspeisen.“

Ihr Anblick verblasste. Ich sprang auf und rieb mir die Augen. Mann, war das realistisch. Ich schlurfte in die Küche, um mir Tee aufzugießen. Auf der Arbeitsplatte lag der Sack Zwiebeln. Den starrte ich wohl ebenso entsetzt an, wie ich die drei riesigen Zwieblinge im Traum angeguckt hatte. Was sollte mit ihnen geschehen? Sollte ich sie verschenken, um mir keine weitere Schuld aufzuladen? Oder sollte ich mich ins Auto setzen und sie irgendwo in der freien Natur vergraben? Nachdenklich schlürfte ich meinen Tee.

Mein Handy quakte. Ja, es quakt, weil ich den Froschquak-Sound eingestellt habe. Meine Freundin Mae rief mich aus ihrem Kurzurlaub auf dem Land an. Natürlich erzählte ich ihr sofort von meinem schockierenden Traum. „Ach nein!“ rief sie aus. „Soeben wollte ich dir erzählen, dass ich einen furchtbaren Alptraum hatte! Von einer Horde Riesenkarotten, die mich bedrohlich umtanzten und mir das Versprechen abrangen, niemals mehr einer Karotte etwas zu Leide zu tun! Kuno, was können wir machen? Jetzt sind wir ohnehin schon Veganer…!“

„Mal überlegen…“ Mir fiel etwas ein. „Ruf deine Freundin Minnie an. Frag‘ sie, ob sie auch eine solche Begegung hatte. Frag‘, was sie dazu meint!“ Das sind ja Sachen…

Vor zwei Jahren hatten wir uns entschieden, auf den Konsum tierischer Produkte zu verzichten. Aber dass Pflanzen ebenso unter uns leiden, also das ist doch… „Quaaaak! Quaaaak!“ Mann, wie fix doch meine Mae ist! Und überhaupt, Frauen haben die Gabe, doppelt bis dreimal so schnell zu sprechen wie Männer. Wie manche Männer.

„Du glaubst es nicht!“ tönt es aus meinem Smartphone. „Heute Nacht hatte Minnie eine Begegnung mit Broccolianern, die sie auf ihren unseligen steigenden Broccoli-Konsum ansprachen! Für Minnie ist das kein Problem. Sie stellt ihre Ernährung komplett auf Früchte und Körner um. Man kann sich auch ganz gut von Lein- und Hanfsamen ernähren, Brotbacken geht… Einfach alles, was die Pflanzen abgeben, also was nicht Teil der Pflanze ist. Haltet euch auch daran!“

Was ging da vor? Die Geister der Pflanzen hatten wohl eine Offensive gestartet! Es blieb vorerst keine Zeit zum Überlegen, denn ich arbeitete an einem Projekt, das termingerecht abzuliefern war. In meiner Mittagspause konnte ich es mir aber nicht verkneifen und lief zum kleinen Supermarkt um die Ecke. Erstens musste ich mir gleich ein Päckchen Leinsamen und eine Packung Dinkelflocken besorgen, denn mit Gemüsekochen war’s wohl aus. Ich musste am Fleischregal und am Obst- und Gemüseregal vorbei. Alle Ware lag unberührt da! Der grünste, frischeste, leckerste Salat – aber ich wagte nicht ihn mitzunehmen. Verlegen schnappte ich mir einen Sack mit Äpfeln für mein Müesli und zahlte.

IMG_0625Am Parkplatz schnappte ich ein paar Wortfetzen auf. Zwei ältere Damen unterhielten sich aufgeregt und es klang nach „…und dann sagten die Salathäuptel…“ Mir zog es die Gänsehaut auf. Kleinlaut schlich ich in meine Wohnung und würgte mein lauwarmes Müesli mit Soja-Joghurt, Dinkelflocken, frisch geriebenen Äpfeln und Leinsamen hinunter und wusste, dass das der falsche Weg war.

Mit einer solchen Einstellung kann kein Essen bekömmlich sein. Es sollte schmecken, man sollte es freudig und dankbar genießen. Na, das war im Moment doch zu viel verlangt. Damals ahnte ich ja nicht, dass es noch dicker kommen sollte.

Mein Freund Tobias, der, mit dem ich die Schulbank drückte, der in der Metropole wohnt, der mir mit allem ein wenig voraus ist, schon Familie hat, einen geräumigen Familienschlitten, aber denoch täglich mit dem Rad zur Arbeit fährt, also dieser Tobias, kam mich besuchen.

Es mochte schon die dritte gemüselose Woche sein, und ich war ein bisschen fahl im Gesicht. Ohne lange Umschweife kam er zur Sache, während wir ein Tässchen Gerstenmalz-Kaffee tranken. „Du lebst doch zwei Jahre vegan, nicht wahr?“ fragte er lauernd. „So ist es! Warum? Hast du vielleicht von fordernden Salatkopf-Männern geträumt?“ scherzte ich und sah ihn von der Seite an.“Das nicht gerade, aber so etwas in der Richtung!“ gestand der gute alte Toby.

„Meine Kinder kamen eines Morgens in die Küche und weigerten sich, ihre Müeslis zu essen! Sie faselten etwas von Leinsamen-Invasion und Walnuss-Soldaten und dass wir Menschen keine Früchte und Samen essen sollen, weil da ist ja auch Leben drin, das leben will und weiß, dass es lebt! Ach, was sehe ich da? Leinsamen… Was meinst du, sind meine Rosie und mein Bertram durchgeknallt?“

„Äh… i wo! Kinder haben oft noch mehr Einfühlungsvermögen als wir Erwachsenen, weil uns ist das zu einem Gutteil aberzogen worden von unserer leistungsorientierten Gesellschaft!“ murmelte ich und fühlte mich äußerst ratlos.

In mir stieg eine fürchterliche Ahnung auf. Die Pflanzenwelt revoltiert, und der Ausgang wäre wohl klar. Die Pflanzen überleben, die Menschheit nicht, wenn sie nichts mehr zu fressen hat. In meiner Hilfslosigkeit wurde ich richtig wütend, aber ließ es mir nicht anmerken. In diesem Augenblick kam Mae mit einer vollen Einkaufstasche bei der Tür herein.

Wenn Frauen nicht so klug wären! Man hätte sie nie zur Schule gehen oder gar studieren lassen sollen! War natürlich nur ein Scherz! Augenblicklich erfasste Mae, dass  Tobias und ich völlig geknickt im Wohnzimmer saßen, eruierte den Grund und wusste auch gleich Rat.

„Ist doch klar wie Kloßbrühe, ups, ist sonnenklar!“ Mit ihrem bezaubernden Lächeln hat sie mich seinerzeit verwirrt und es ist heute nicht viel anders. „In den letzten Tagen habe ich eifrig recherchiert und – ja da gibt’s was, das nennt man jetzt Lichtnahrung. Früher sagte man dazu „Ernähren mit Prana“.  Es dürfte funktionieren….“- „Hä?“ riefen Tobias und ich gleichzeitig. Wir mussten sehr verdattert aus der Wäsche geguckt haben.  „Na,wenn du uns auch noch erklärst, wie das geht!“

IMG_0628Äußerst bizarr. Kein Fleisch kein Fisch, kein Ei, kein Brot, kein Gemüse, kein Obst – einfach gar nichts. Unser Körper funktiere nach physikalisch-chemischen Prinzipien. Wir hätten nur verlernt, dass wir Nahrung direkt aus dem Äther beziehen können und uns den Umweg über die gewohnte Nahrungsaufnahme ersparen können. Das Vertrackte beim Umlernen sei nur die liebe Gewohnheit.

Die Umstellung auf Lichtnahrung, so verkündete meine engelhafte Frau, funktionere nur, wenn man einengende Konzepte über Bord wirft, ausgeglichen ist und  – ja, irgendwie hat das Ganze schon mit Spiritualität zu tun, weil das machten bisher nur manche Yogis und Heilige und so.

Wenn man keine tierische und keine pflanzliche Nahrung zu sich nehmen soll, nun ja, kann, bleibt ja wirklich nur noch ein Versuch dieser Art. Wir setzten uns gemeinsam vor meinen PC und lasen schaurige Geschichten über dieses Thema.

Da gab’s sogar einen Dokumentarfilm darüber, Bücher, Vorträge…. Eine Methode, diese unsichtbare Nahrung aufzunehmen, nennt sich „Sungazing“. Bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in die Sonne schauen und so zuzelt man irgendwie das Licht in sich hinein. Doch das stelle ich mir nicht einmal auf dem Land ganz leicht vor, aber man versuche das mal in den Häuserschluchten einer größeren Stadt…

Zum Glück fanden wir auf irgendeiner englischsprachigen Seite eine Meditationsanleitung, die dabei helfen soll, die Energieaufnahme aus einem mysteriösen unsichtbaren Licht zu unterstützen. Tobias ließ sich den Text ausdrucken und eilte nach Hause. Auch seine Familie werde es versuchen.

Mae und ich motivierten uns mit der Vorstellung, welch finanzieller und zeitlicher Gewinn es doch sei, kein Essen mehr zubereiten zu müssen.  Erst jetzt, wo wir uns darin üben sollten, das Essen aufzugeben, wurde uns bewusst, wie sich in unserer Gesellschaft fast der ganze Tag um Essensbeschaffung und Essen dreht.

Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, wie es uns erging. Zum Glück waren wir zu zweit. Das half, den inneren Schweinehund zu überwinden, Situationen zu besprechen, Lösungen zu ersinnen…

Wir tranken viel Wasser und dann und wann etwas Tee oder stark verdünnten Obstsaft, also gingen wir gemäßigt ans Nichtessen heran. Wenn wir einen Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang erhaschen konnten, so taten wir es.  Das war wunderbar.

Meditieren fand ich bisher immer doof. Jetzt musste ich.  Beide hatten wir schon etwas Praxis, es ging also irgendwie. Wir tauschten uns täglich ein- bis zweimal mit Tobias aus, der berichtete, wie es seiner Familie mit dem Experiment erging.

Am verflixten siebenten Tag befanden sich alle von uns in einer massiven Krise. Das Hungergefühl blieb, auch wenn wir zu unserer Überraschung fast nichts abnahmen.

IMG_0624Die Kinder, Rosie und Bertram, durften essen, was sie essen wollten. Es stellte sich heraus, dass si eim Lauf der Zeit wieder weniger zimperlich wurden und sich mit einer bunt gemischten vegetarischen Kost abfanden. Tobias und seine Frau Martha, meine Frau und ich beteuerten, bis auf die Getränke nichts anzurühren.

Das ging so lange gut, bis ich nachts vor dem Kühlschrank Mae traf und wir einander eingestehen mussten, dass wir beide drauf und dran waen, uns ein Stückchen Käse zu holen.

In den folgenden Stunden träumten wir beide schlecht. Ein Heer von Gemüsen marschierte auf uns zu. Irgend so ein Obergemüse erm ahnte uns erneut.

Beim Frühstückskaffee (herrje, die armen Kaffeebohnen!) beratschlagten wir, wie es weiter geht. Vergeblich. Wir beschlossen, einen Schamanen zu berfragen, der in dreißig Kilometer Entfernung lebt.

Das war die Königsidee. Schamanen sind lebenspraktische Menschen. Aber auch welche, die mit übergroßen Gemüsen sprechen können wie mit mir und dir.

Zunächst befragte er uns, dann rief er die Geister der Zwiebeln, Broccoli, Karotten, Kartoffeln, kurzum aller Gemüse. Ein beeindruckendes Ritual, das wir miterleben durften. Er erklärte uns anshcließend, dass die uns erschienene Gemüsewesen eine Personifikation unserer geheimene Ängste seien. Es sei ein Unding, sich uz kasteien, das habe uns auch Buddha vorhgezeigt, und kein Schamane würde auf Nahrung verzichten.Außer das ergäbe sich wie von selbst.

Wir fuhren mit dme gutne Gefühl heim, dass etwas ins rechte Licht gerückt worden war.Die Zwieblinge und anderen Gemüsewesen erschienen uns seither nie wieder. Was bleibt, ist, dass wir all diese Eindrücke nicht vergessen können. Mit unendlichem Dank und zutiefst demütig verspeisne wir nun jedes Salatblatt, jedes Korn und wissen, vor uns und der restlichen Menshheit liegt noch ein langer Weg.

Es wird die Zeit kommen, das werden wir die Entwöhnung fortsetzen, allerdings mit de, richtigen Bewusstsein und zwanglos. Nie zuvor wussten wir, wie sehr wir das Essen gewöhnt sind und lieben. Und genießen! Fast traue ich mich nicht, das laut zu sagen.

Da in unserem Städtchen weiterhin Lebensmittel eingekauft werden wie eh und je, nehme ich an, dass es auch bei der restlichen Bevökerung kein „Bewusstseinsruck“ stattfand.

Ein wenig Bedenken hatte ich trotz aller schamanischen Erklärungen immer noch. Was ist, wenn uns etwas zustößt und wir werden im Jenseits von den Gemüsewesen erwartet, die berufen sein werden, über uns zu richten? Meine Frau Mae und ich fuhren nochmals zum Schamanen. Das neuerliche Ritual kostete uns nochmals eine Stange Geld, aber danach fuhren wir beruhigt nach Hause.

IMG_0626Es ist inzwischen Herbst geworden, Erntezeit, und ich habe beschlossen, mir allerlei Rituale anzueignen, um den Rest von Gespaltensein zu überwinden. Was müssen wir Menschen doch Pflanzen essen, könnten nicht Mineralien genügen? Wieso können wir nicht einfach mit dem Finger schnippen und satt sein? Schnödes System, das einem sensiblen Menschen vor ein unlösbares Problem stellt.

Wir haben unseren Weg und unseren Frieden mit Hilfe von Dankbarkeitsritualen wieder gefunden. Das ist kein Patentrezept. Es muss wohl jeder seine Lösung finden, wie er mit einem solchen Dilemma umgeht. Jedenfalls, seitdem wir diese Rituale pflegen, hatten wir keine solchen Alpträume mehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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