die herbst-kompression 17 10 2011

DIE HERBST-KOMPRESSION (17 10 2011)

Bei uns gibt’s keine Herbstdepression. Oder vielleicht – doch auch. Mag sein, dass das Komprimieren auch beim Deprimiertsein, so es in Erscheinung tritt, eine ko-ursächliche Rolle spielt. Was ist gemeint?

Das frisch-froh-freie Sommerdasein in seiner jupiterhaften Ausweitung und Ausbreitung findet Jahr für Jahr ein jähes Ende. Heuer sogar besonders jäh. Teil eins der Weinlese fand an Spätsommertagen statt, bei Gluthitze und daher „oben ohne“! Teil zwei, einige Tage später, in Winterbekleidung mit Mütze und Handschuhen.

Kompression: Alle Fahrzeugen drängeln sich, soweit möglich, in den Garagen. Die Blumentöpfe werden blitzartig ins Haus verfrachtet. Übertöpfe und Untersetzer werden aus dem Lager in der Werkstatt herbeigeschafft. Winterstiefel, Wintergarderobe muss schleunigst vom Dachboden runter und ein vergleichswise mickriges Sommer-Sortiment wandert möglichst motten- und mäusegeschützt verpackt hinauf.

Mit den Gartenfreuden ist’s auch lebemäßig vorbei. Die Liegemöbel werden zusammengeklappt, auch die Sitzgarnituren und Tische werden bald ihr restliche Funktion als Abstellfläche verlieren und müssen auf dem Dachboden zusammengestaucht werden. Demnach müsste doch die Fläche im Hof freier und nicht komprimierter werden? Mitnichten! Zahlreiche Kisten mit Äpfeln stapeln sich entlang der Hausmauer, weitgehend vor eisiger Kälte geschützt. Und – vergleiche Weinlese – der Wein ist zu verbreiten.

Wenn auch nur für den Hausgebrauch… und gerade deshalb eine Viecherei. Alles in Handarbeit… und alle geräte stehen im Hof, bis der Wein im Keller ist. Die Maischefässer wandern „in die Arkaden“, also in den Gang.  Die Weinfässer müssen zum Vergären in die Küche geschafft werden. Ein brutales Gerangel um den Platz – Jahr für Jahr – Weinfässer, Maischefässer, Pelargonien und Kakteen… Aufagen, Decken, Matten, Wintermäntel, Schuhe, Stiefel…

Ja, und das Holz! Das Brennholz – Eimer mit Spänen, Anzündwürfel, kleines Holz, großes Holz,… und das für mehrere Öfen und für den Küchenherd. Und fast hätte ich vergessen, auch noch die Kunstwerke zu erwähnen, all die kleinen selbstgemachten Bronzefiguren auf Steinsockeln, die doch lieber während der rauen Jahreszeit im Haus verbringen sollten und wieder mal gründlich einer Reinigung und Pflege unterzogen werden.

Und die Wäsche! Die wird ja im Sommer im Freien aufgehängt, im Winter herrscht Trockenbetrieb in der Küche, auf Holzstangen überm Herd. Und was nicht Platz findet, wird im Hof unter Dach gestellt.

Ein Vorraum wird zum „Winter-Kühlschrank“, da es natürlich sinvoller ist, Speisen gekühlt zu halten, wo es ohnehin kühl ist statt dafür einen eigenen Kühlschrank zu betreiben.

Empfindliche Flüssigkeiten, Farbtiegel und Werkstoffe, die nicht frostfest gelagert sind, müssen ins Haus. Ein großer Sack Vogelfuter wird im unteren Vorraum eingelagert und tritt dort in Konkurrenz mit dem überbordenen Angebot unserer kreativen Produkte. Was muss auch die ganze Familie künstlerisch tätig sein? Da sich auch in dieser an sich geräumigen „Eingangshalle“ auch allerlei andere „Schätze“ angesammelt haben, Liebhabereien, Erinnerungsstücke, Schalen, Körbe, Keramik, ist auch im Vorraum alles ausgereizt.

Schließlich und endlich rücken auch Katzen und Huhn mit Futterschalen bzw. Fütterung und Schlafplätzen näher.

Jeder noch so kleine Platz auf den Fenstersimsen ist voll mit Blumentöpfen und sonstigem Zeug. Nun sollen aber auch noch die langen Zugluftpölster vom Dachboden geholt und dazwischen gezwängt werden. Und in einigen Wochen ziemt es sich, den Advent- bzw. Weihnachtsschmuck vom Dachboden zu holen und die Wohnung damit stimmungsmachend zu drapieren, um sie in einer wonnigwarmen Glanz zu bringen, mit rotdominierten Dekopölstern und Tischtüchern, ein paar Engerln, Sternderln et cetera.

Manchmal frage ich mich, wie groß müsste eigentlich das Haus sein, damit alles so verstaut werden kann, dass diese Herbst-Kompression nimmer spürbar wird. Dass wir nicht mehr da, wo wir in der wärmeren Jahreszeit schwungvoll durchschlendern, nun durchschliefen müssen, immer zaghaft und achtsam, um nicht von Kakteenstacheln gepiekst zu werden oder was um- oder runterzuwerfen… Und um nicht in eine der vielem Mäusefallen zu geraten, die im Herbst in allen Räumen aufgestellt werden müssen, denn Mäuse sind ultraschnell und damit nahezu unsichtbar – und wenn es kalt wird, wandern sie in Scharen ein.

Gefährlich wird’s besonders bei Nacht. Da sollten wir immer eine Taschenlampe dabei haben. Es ist ein wochenlanges Memory-Training – da wo gestern noch ein Blumentopf war, ist’s heute noch enger da ist eine große Kiste mit Äpfeln, o weh, die Schale mit den Kakteen steht vorübergehend auf einem Maischefass, weil noch kein freier heller Platz gefunden wurde – und so weiter. Immer wieder Krach oder ein Schmerzensschrei… Aber oh Freude, alle Kakteen konnten heuer evakuiert, vor dem Erfrieren bewahrt werden! Zum Glück gibt es aber nach einiger Zeit wieder eine spürbare Erleichterung: Der Wein ist im Keller, die Arbeitsgeräte sind wieder verstaut. Die Blumen haben mehr Platz. Hura, man kann sich wieder umdrehen und es gibt Stellen, wo man ohne Wartezeit aneinander vorbeigehen kann.

Dicht wird das Gedrängel in der Küche. Das warme Herz des Hauses, der treue alte Holzherd dient zum Trocknen, Heizen, Backen, Kochen, Dörren. Am Essplatz wird’s eng. Pro Bewohner bzw. Gast ist ein paar Schuhe in der Küche erlaubt, zum Warmhalten. Für sonstige Schuhpaare gibt es wegen des Schmutzwetters Untersetzer, die zustzlichen Platz beanspruchen. Am Wochenende kommt die Jugend mit Sack und Pack und Schmutzwäsche. Es wird alles so eng und schmal, dass eigentlich nur mehr eine Katze locker durchkommen kann…

Wer unser Haus kennt, weiß, dass es nicht gerade klein ist. Und dass die Sportgeräte eh fast alle auf dem Dachboden Platz haben, und die Wandersachen. Und dass die meisten Bücher ebenfalls auf den Dachboden verbannt ihr Dasein fristen, mäuse- und rußsicher in Kisten verpackt. Und doch… (verzweifelt-verschämtes Achselzucken)!

Manchmal frage ich mich, wie viel doch mehr Platz wäre, wenn ich mit all meinen Sachen verschwinden würde. Na, vielleicht wäre das Problem gelöst, wenn ich mir eine andere Wohnung suche? Oder noch weiter gedacht, wenn jeder von uns eine eigene Wohnung hätte… Ja dann… wäre das Haus mal so richtig aufgeräumt – ein Zimmer könnte zum Wintergarten umfunktioniert werden… Wir würden nur herkommen um alles anzuschauen – wie ein Museum. Oder daneben ein Lager bauen, in das alles kommt… Licht, wohltemperiert… eigentlich ein zweites Haus. Oder ein Lastauto besorgen, Unempfindliches verlagern, einen Lagerrraum anmieten. Die Pflanzen entsorgen, kompostieren? Undenkbar, sie gehören zur Familie! Zum Anzüchten von Ablegern fehlte die Zeit. Die Mutterpflanze hätte ich im Freien lassen können

Nun, diese Lösung ist fiktiv. Real aber ist eine Lösung, die die Zeit mit sich bringt. Alle Jahre wieder, wenn die Winterkälte nachlässt und die Natur wieder erwacht, wenn die Frostgefahr gebannt ist, kommt die Expansion!

Und da wundern wir uns jedes Mal ein bisschen, wie groß das Haus ist, wie groß der Garten ist, können unsere Freiheit nicht fassen. Blumen, Sessel, Gartenmöbel wandern raus, die Wäsche flattert im Freien. Die Tiegel, Tröge und Holzeimer verschwinden, die Welt ist weit! Dazu ist sie immerhin gut, unsere allherbstliche Kompressions-Erfahrung: um zu spüren, was wiedererlangte Raum-Freiheit ist!

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