Wo bleibt die Crème de la Crème?

Vom Künstlerleben, der Wertschätzung und den Abwesenden

April 2016… noch nicht ganz fertig…

Als ich mich ins große Heer der KünstlerInnen begab und dadurch sozusagen „den Betrieb“ von innen kennenlernte, war ich beflissen, mein Bestes zu geben. Die originellsten und gelungensten Werke wurden sorgsam gerahmt, beschriftet, es wurden Einladungen und Plakate entworfen, Musik wurde für die Vernissage organisiert, die Termine an öffentliche Stellen und Medien gemeldet. Es galt, Pressetexte zu verfassen, auch wenn wie niemand las,  Preislisten aufzulegen, obwohl sie niemand in die Hand nahm, Nummernschildchen, Lebensläufe, Visitenkarten, ein Gästebuch bereitzustellen, in das nur selten wer etwas zu schreiben wagt.

Kurzum, dies und noch viel mehr gehört um „Betrieb“.  So taten es auch die anderen Künstler, zu denen ich aufschaute, die Erfahrenen, die „Alten Hasen“. Nun, manche taten Manches nicht und es lief trotzdem. Manche flippen aus, wenn ein Bild leicht schief hängt. Andere haben die Nonchalance, ihre Fotos eine Stunde vor offiziellem Beginn aufzuhängen und sich keinen Deut um Organisatorisches zu scheren. Vielleicht bin ich zu gewissenhaft, dachte ich zuweilen.

Es dauerte nicht lange, und ich war schon etwas entspannter. Da fiel mir allmählich auf, dass sich das Vernissagen-Publikum auf eine ganz bestimmte Art und Weise zusammensetzte. Es kamen ein paar getreue Freunde und mit etwas Glück Verwandte. Dann die Person, die die Eröffung machte beziehungsweise Begrüßungsworte sprach. Na klar, er oder sie musste ja kommen. Analoges galt auch für den oder die Laudatio-RednerIn, so dies vorgesehen war.

Die Musik kommt meist, da an Gage interessiert, und schaut sich so gut wie nie die Exponate an. Diese beiden Kunstgattungen schienen überhaupt eine seltsame Affinität zueinander zu haben. Man könnte fast zum Eindruck gelangen, dass Musik alles ist und bildende Kunst nichts. Denn während musiziert wird, steht alles bei der Vernissage artig still und hört zu, während viele  Gäste eigentlich ansonsten nur Augen auf das Buffett haben und die Bilder oder Skulpturen keines Blickes würdigt. Zunehmend beneidete ich die Musici, denen ein Einkommen für ihr Erscheinen sicher war, während meine Wahrscheinlichkeit, überhaupt ein Bild zu verkaufen, von Tag zu Tag sank, also je länger die Ausstellung lief. Zu guter Letzt ist man nach jeder Ausstellung froh, wenn sich der Schaden in Grenzen hält. Hurra, kein Rahmen beschädigt, kein Glas kaputt, die Hoffnung lebt!

Mit der Zeit lernt man auch, nicht nur gequält dreinzuschauen, wenn sich eine Schar von Künstlerkollegen übers sündhaft teure Buffett hermacht, sondern sich darüber ehrlich zu freuen, denn sie alle, alle hätten meine Ausstellung ja geflissentlich ignorieren können.

Auch wenn es fast ein ungeschriebenes Gesetz ist, dass man sich gegenseitig keine Bilder abkauft – hat man doch selber reichlich davon… Und meistens hat man man mehr Bilder als Geld auf der hohen Kante… Also selbst, wenn man wollte… So aber zollt man dem Kollegen, der Kollegin  Bewunderung. Auch Anerkennung ist Nahrung des Künstlers. Wenn auch nur geistige. Und obwohl man leider, leider in unserem Gesellschaftssystem auch Bares braucht. Es wären zumindest mal die Kosten fürs Material zu decken, die gar nicht so gering sind, wie sich das der Laie vorstellt. Gelingt das, ist das schon mal ein Glück.

Erstaunlich groß ist also die Freude darüber, dass einem Kollegen und Kollegin die Aufwartung machen. Und da es so unendlich mühsam ist, Anerkennung zu bekommen, da man die wildesten Tricks anwenden muß, damit überhaupt ein Journalist erscheint und einen Bericht schreibt, ist die Freude umso größer darüber, dass man nicht allein und peinlich berührt mit seinen Sprechern, Musikern und Verwandten herumsteht, sondern dass auch sie kommen, die anderen Künstler und Künstlerinnen der Region. Darunter, oh Wonne, sogar welche, die es schon weiter gebracht haben, anerkannt sind sich erfolgreich verkaufen… Doch es mischen sich auch noch andere Gäste unter das Vernissagenvolk.

Nachbarn – kann vorkommen. Überraschungsbesucher, die gerade ein Quartier für die Nacht benötigen. Ist auch schon vorgekommen. Menschen, die sonst etwas von dir wollen, möglichst kostenlos versteht sich, und daher die Gelegenheit nutzen, um Interesse an deiner Person zu bekunden. Sponsoren kommen erfahrungsgemäß nie. Oft ist der Chef höchstpersönlich ja gar nicht zu Gesicht zu bekommen. Aus dem Chefzimmer tönt die Weisung, dass man dem Bittsteller halt ausnahmsweise einen (lächerlichen) Geldbetrag zukommen lässt. Oft verbunden mit der Auflage, nur ja nicht weiterzusagen, das sman etwas vekomemn hat, damit nicht noch andeen kommen… Eigentlich habe ich in meinen Kursen etwas Anderes über Sponsoring gelernt. Kurzum. Sponsoren heften deine Einladung in eine Ordner ab und verstecken deine Dokumentation auf DVD verschämt in einem Bücherregal.

Da und dort gesellen sich auch Adabeis hinzu, die das Talent haben, sich von einer Vernissage zur anderen durchzufuttern; die das bisschen Herumstehen in Kauf nehmen. Und kostenlosen Musikgenuss gibt’s auch noch obendrauf. Solange es nicht überhand nimmt, ist es ja in Ordnung. Ich habe mir sagen lassen, dass es in vielen Galerien nur noch Knabbergebäck oder Brot und einfachste Getränke gibt, damit man wegen der Ausstellung kommt und nicht mehr wegen des Buffets. Musikalische Umrahmungen wird zusehends ungebräuchlich. Und – neueste Tendenz – es gitb auch gar keine Eröffnungsreden mehr, sondern es gibt nur einen Ausstellungsbeginn, und da stehen alle herum und reden und schauen und trollen sich dann wieder.

Hast du dich der Mühe unterzogen oder von deiner Begeisterung hinreißen lassen, einem Fotoclub oder einem Künstlerverein anzugehören oder einer sonstigen Interessengruppe, für die du jahrelang brav Mitgliedsbeiträge zahltst, so besteht die Wahrscheinlichkeit, dass du Besucher aus diesen Reihen erhältst, die sich allerdings Gegenbesuch erwarten. Ist doch normal. Interessiert sich ein Kulturmanager für dich, dann wohl, weil du schon etwas für ihn gemacht hast und der sich Weiteres von dir erhofft oder weil er Kontakte für seinen Kulturverein braucht oder für die Terminplanung seiner staatlich geförderten Bühne.

Glücklich zu preisen bist du, wenn du in deinem Bekanntenkreis einen fotografierfreudigen Menschen hast, der keine Meuchelbilder macht und in der Lage ist zu erfassen, was festzuhalten ist. Der dann auch noch zuverlässig zu deinen Veranstaltungen kommt, ja vielleicht sogar Freude daran empfindet, dass er seinen Beitrag zum Ereignis leisten kann.

Von Helfern im Bekanntenkreis, die einen Teil der zeitraubenden Öffentlichkeitsarbeit übernehmen, ja wenigstens meine Termine weitersagen, träume ich bis heute… Wenn alle, die ich weiterempfehle, mich weiterempfehlen würden, über mich berichten würden, über die ich Berichte geschrieben habe, Links auf ihren Webseiten anbringen würden, wie ich es für sie tue, so wäre ich schon unverschämt bekannt. Es ist offenbar nur wenigen gegeben zu schreiben und zu fotografieren. Webseiten lässt man machen… Man fragt sich bisweilen, warum diese unverzichtbaren Tätigkeiten von der Gesellschaft so wenig geachtet sind.

Gesegnet bist du, wenn du Journalist bist, Pressefotograf oder sogar Kameramann. Da scharen sich alle um dich, weil du ja ein Promi bist, der Bilder malt, oder zumindest eine Person, der man ein Bild abkauft, um sich künftiges Wohlwollen zu sichern. Noch genialer ist es, malender Lehrer zu sein, denn dann kommen zu deiner Ausstellungseröffnung deine SchülerInnen, deine KollegInnen, die Eltern der SchülerInnen, vielleicht auch die Tanten und Onkel und sogar die Geschwister und Großeltern. Volles Haus garantiert und auch Verkaufserfolg. Etwas habe ich noch vergessen: Es ist auch ein erheblicher Startvorteil, wenn du rein zufällig die Frau des Bürgermeisters oder des Gemeindearztes bist…

Leider habe ich weder beim ORF gearbeitet noch einen Bürgermeister geheiratet, und meine Freunde, Verwandten und Bekannten sind über den ganzen Erdball verstreut.

In meiner Naivität dachte ich ja anfangs noch, es käme auf Kreativität an, auf neue Ideen, auf Außergewöhnliches. Es sräubte sich etwas in mir, die Kopie meiner künstlerischen Lehrmeister zu sein, indem ich ebenso langgezogene Figuren mit verzetrten Gesichtern schuf oder großfläche Farbflecken auf die Leinwand auftrug. Ja, ich ging sogar so weit, mich zu weigern, bei bestimmten namhaften Künstlern an einemWorkshop teilzunehmen, weil ich nicht so werden wollte wie die oder der… Fehler! meldet das offizielel Kunstsystem. „Wieder ein grober Schnitzer!“ meinen Künstlerkollegen und schütteln kummervoll das Haupt. Wie kann man nur so verbohrt sein. Häng‘ dich an den Mainstream, schwimme mit, was tust du dir da Unnötiges an? Und so kam man, begrüßte einander, ließ sich fotografieren, futterte am Buffett und ging. Ich muß hinzufügen, es gibt auch andere, die es sich wie ich unnötig komplizert machen, bestimmte Themen und Arten der Darstellung verweigern. Ich glaube schon, dass das unter Dumheit fällt, nicht wenigstens ein kleines bisschen opportunistisch zu sein, wage es mir aber nicht einzugestehen…

Meine Tage der offenen Ateliertür waren in dieser Hinsicht sogar noch die Steigerung. Sie gerieten regelrecht zur Ausspeisung von Bekannten, die ich sonst das ganze Jahr nie sah. Tagelang hatte ich Objekte im Garten aufgestellt, Bilder gerahmt, kleinere Werke in eine Mappe zu Durchblättern gelegt, eine Videoperformance vorbereitet. Doch das interessierte keinen Menschen. Hochinteressant.

Ein Landespolitiker erwies mir bisweilen auch die Ehre seiner Aufwartung, offensichtlich ganz stolz darauf, dass er sich überhaupt dieser Mühe unterzog. Er ließ sich wie selbstverständlich am Tisch nieder und genoss meinen selbstgemachten  Wein. Wenn das Glas geleert war, zog er weiter. Bemerkenswert. Ich könnte mir nämlich überhaupt nicht vorstellen, so zu sein. Das mag wohl einer der Gründe sein, warum ich es in der Politik nicht weit gebracht habe.

Klar, es tut sich viel zu viel in Sachen Kultur. Und Malerei ist wie Jazz nicht unbedingt eine Attraktion für alle Welt. Wenn die fidelen Überbacher und die Vorder- oder Drüberseher kommen oder eine ausgedienter Mime Anekdoten aus der alten Zeit zum Besten hält, dann füllen sich die Säle. Aber eine Vernissage zieht eben nur ein bestimmtes Publikum an…  siehe oben.

Manchmal fragte ich mich schon, warum auch für langweiligste Vorträge und zotige Lachnummern saftige Eintrittsgelder verlangt werden und das Publikum sie doch tatsächlich bezahlt. Und dass es selbstverständlich ist, das man für Musik etwas gibt. Bilder und Skulpturen aber werden bestenfalls bestaunt und fotografiert. Irgendwo steht, wenn überhaupt, verschämt ein Spendenkörbchen fürs Buffett. Wenn ich in ein Museum gehe, muss ich Eintritt zahlen, auch für ein Konzert, ja sogar beim sogenannten Gottesdienst wandert der Spendenkörberl herum.

Ich finde, es wäre anders, wenn es die Regel wäre, dass sich Bilder verkaufen. So etwa wie man in den Bäckerladen geht, um Brot zu kaufen. Dann wäre der freie Eintritt verständlich. Aber da eigentlich nur die Verwandten, Bekannten und Kollegen kommen, also lauter Menschen, die nichts kaufen, sollte zumindest der Aufwand für die gebotene Abendunterhaltung abgegolten werden. Doch bloss von wem? Von meinen Verwandten und Bekannten kann ich’s doch nicht erwarten, die erweisen mir ja einen Freundschaftsdienst. Unbezahlt! Opfern ihre Zeit, haben Fahrtspesen… Oh, worauf man schließlich kommt, wenn man lange überlegt!

Ja, so verbringt man etliche Zeit im Taumel des Dabeiseindürfens, des Erfahrungsammelns, der Steigerung des eigenen Niveaus und Imagewertes… Und irgendwann, eines Tages beginnt man zu reflektieren und stellt sich die Frage: Wo sind sie? Wo sind die, die selbst nicht kreativ tätig sind? So wie es bei der Musik die Zuhörer gibt, sollte es bei der Kunst ja die Kunstinteressierten geben. Also die, die nicht wegen der Brötchen kommen, sondern auf der Suche nach Spannendem, Schönem, Inspirierendem in der Welt der künstlerischen Kreativität sind und Kunstwerke schätzen und genießen.

Die kunstsinnige Schicht, die gebildete Schicht mit Fachkundigen, SammlerInnen, GaleristInnen, Kunsterziehern, PädagogInnen allgemein, studiertem Volk wie Ärzte/Innen, TherapeutInnen, RichterInnen, Rechtsanwälten und Innen, Wissenschaftern und Innen, Staatsdienern und Innen, Ingenieuren, Maturanten, Händlern, Handwerkern, Gewerbetreibenden und Innen, kurzum, all das, was eine Gesellschaft in ihrer Vielfalt ausmacht und über ein Bildungsniveau verfügt, das den Wert künstlerisch-kreativer Arbeit schätzt und sich mit dem Schaffensprozess eines Künstlers auseinandersetzen kann. Heutzutage gilt dies auch für Landwirte, da sie sich weiterbilden, weil so mancher Absolvent für Bodenkultur unter ihnen ist. Es gilt detto für die Weinwirtschaft, da es kaum noch „unstudierte“ Winzer gibt. Kurzum, Bildung ist in die Breite gegangen und hat alle Bevölkerungsschichten erfasst.

Doch wo bleiben sie, die aufgeschlossenen Bevölkerungsschichten?  Sind sie zu müde? Überfordert? Haben sie gerade die Scheidung? Stehen sie vor dem Konkurs? Sitzen sie täglich vorm Fernseher?  Bevorzugen sie Fussball oder ein gemütliches Abendessen? Wahrscheinlich etwas von allem. Und ich hege darüber hinaus einen starken Verdacht.

Nämlich… Kulturleben und die damit verbundenen Gebräuche sind ein Verhalten, das  man möglichst schon in frühen Jahren lernt. Nun, Hand aufs Herz, wann erleben Schüler eine Vernissage?  Abgesehen von Schulprojekten,  einer Art Leistungsschau der Schule.  Wie kommt man erstmals zu einer Vernissage? Vermutlich, weil ein Freund Künstler ist oder weil man von der besten Freundin mitgeschleppt wird. Wer, der nicht ein Naheverhältnis zur bildenden Kunst hat, verirrt sich schon mal zu einer Vernissage?

So weit einige Überlegungen, warum immer dieselben kommen und die vielen, vielen anderen nie. Man könnte aber auch den Spieß umdrehen und fragen: „Liegt’s an der Kunst?“ Ist man von der kontemporären Kunst so enttäuscht oder gelangweilt, dass  man einen Boden um Galerien und Ausstellungen macht. Oder gibt’s genug Bíldfutter in sozialen Medien, Illustrierten und im Fernsehen, sodass man sich die Mühe spart, eine Live-Veranstaltung zu besuchen. Das sind alles nur Überlegungen, vieleicht gibt’s Studien dazu…?

Jedenfalls, was das Freizeitverhalten anbelangt. Als ich das erste Mal in meinem Leben an einem ausgiebigen Segeltörn teilnahm, lernte ich etwas dazu. Da waren sie, die Fachärzte, die Anwälte, die Notare, die Apotheker, die Unternehmer, die man zu Hause nie bei Kulturveranstaltungen trifft. Natürlich nicht alle, aber viele… Die Créme de la Créme aus meiner landwirtschaftlichen Region, in der es nicht einmal eine größere Lacke gibt, die geeignet zum Segeln ist, traten auf einmal in Scharen als Yachtbesitzer in Erscheinung, die bei Schönwetter von einer Bucht zur anderen skipperten.

Einer meiner Söhne ist Golfer und lieferte mir eine weitere Erklärung, warum viele vom regionalen Jet-Set nie zu Gesicht zu bekommen sind. Tummelten sie sich doch auf einem der Golfplätze nah und fern. Übrigens habe ich keine Ahnung, ob dieser Sohn schon jemals bei einer Vernissage war… Ein anderer meiner Söhne entschloss sich, eine Ausbildung zum Privatpiloten zu machen. Und schon wieder gingen mir einige Lichter auf. Da waren sie, die Freizeitkapitäne, hockten in ihren Aeroclubs und tauschten ihre Erfahrungen aus.

Eine andere Quote des heimischen Jetsets outet sich, so man sich im Gespräch näherkommt, als stolze Festspielbesucher, wobei natürlich das Ansehen untereinander mit dem Grad der Entfernung und den Eintrittskartenpreisen steigt. Viele Bessergestellte erholen sich auf Kreuzfahrten, wobei es zumindest die Seychellen oder Polynesien sein sollte, weil sich ja heute schon jeder eine Mittelmehrkreuzfahrt leisten kann. Man uss es halt mögen… Viele Begüterte und auch Arbeitsbefreite entfliehen unseren ungastlichen Wintern und verbringen sie lieber in milden Gefilden. Das täten viel andere auch gern, lässt sich aber nicht so ohne Weiteres realsieren.

Nur möglichst weit weg von den Kunden, Klienten und Patienten, die man tagtäglich begegnen muss, so hat es den Anschein. Die mag man doch nicht auch noch in der Freizeit sehen, und das womöglich noch in einer mittelmäßigen Veranstaltung irgendeines unbekannten Künstlers womöglich, der sich etwas erhofft… Ach, bekannt ist der Künstler? Weltbekannt? Ach der? Nun, den hat man ja schon im Guggenheim-Musum in New York, im Prado, im Louvre oder sonstwo auf der Welt gesehen.

Übrigens, man sieht ja auch kaum jemals einen der regionalen VIPs oder Promis beim Einkauf oder in einem Lokal. Sind sie so menschenscheu? Wo kaufen sie ein? Eine Stadt weiter? Gibt es irgendwo geheime Promi-Supermärkte?  Haben sie alle Großmarkt-Berechtigungen? Tarnen sie sich? Diesem Rätsel bin ich noch nicht auf die Spur gekommen. Früher waren sie überall. Doch heute… Ist irgendwie mysteriös. Fast möchte ich vermuten, dass sie sie immer dann verschwinden, wenn ich wo bin. Aber da dies keinen Sinn ergibt, muss die Erklärung eine andere sein.

Nicht zu vergessen, da gibt es auch gar nicht wenige Damen und Herren, die beim Shoppen keinen Bock darauf haben, die Kaufkraft der eigenen Region zu stärken, mit ihren sich ausdünnenden selbständigen Firmen, mit sinkender Qualität der Ware, erschreckend geringem Schick und den sich wie eine Seuche verbreitenden Nullachtfünfzehn-Ketten. Verständlich, nicht wahr. Da wäre ich auch gerne weg und verstehe mehr und mehr die Online-Shopper. Man – also hier rede ich wieder von der Gesellschaftsschichte, auf die es ankommt, man also fährt zu Outlets und kauft günstig ein. Das ist besonders bei jungen Leuten total angesagt. Oder man macht einen Städteflug und geht Shoppen in Florenz, Mailand, Paris, Rom, Dubai, Hongkong, Singapur, Wien, Graz, New York oder in einem mondänen Hafenstädtchen in der Karibik.

Nun habe ich auch noch die PferdesportlerInnen vergessen, die Heli-Skier, die Kitesurfer, die Abenteuer-Reisenden, die Gourmets, die Kartenspieler, die Casinobesucher, die Krimi- und Serienfans und die UnternehmerInnen, die von einem Treffen zum anderen hechten, um auch außerhalb der Geschäftszeit Verträge anzubahnen.

Noch ein Wort zur schillernden Schicht der Politiker, weil diese sind in der Tat ein Phänomen. Es sind veritable Hybridwesen. Wenn keine Wahl in Sicht ist, sieht man sie nirgends. Rückt eine Wahl näher, sind sie immer und überall und drängen auf Fotos. Die mit der dicksten Brieftasche bekommen vielleicht noch da und dort ein Flascherl Wein geschenkt. Offen gestanden war ich schon einmal nahe daran ein Schild zu montieren: Politiker nein, danke! Die größte Förderung, die ich von Politiken genoss, war ein Achterl Wein. Nun ja, irgendwas mache ich offensichtlich besonders falsch.

Indem ich also nach und nach Einblick in das Leben der „Oberen“ bzw. Zahlungskräftigen in unserer Gesellschaft bekam und mir dessen bewusst wurde, dass die, die eigentlich das Gros bei solchen Veranstaltungen ausmachen sollten, nie und nimmer in Erscheinung traten (es sei denn, als Hobbymaler, die selbst ausstellen), fielen mir Megaschuppen von den Augen. Je höher in der Schicht angesiedelt, desto weniger Zeit und Interesse bleibt für  den Besuch eines Provinzevents. Völlig klar, warum hatte ich das nicht gleich durchschaut! Da kann man freilich Einladungen verschicken! Die Rundablage nimmt sie geduldig auf. Höhnisch klingen in meinen Ohren die salbungsvollen Worte von Regionalität uns von der Bedeutung des Kulturlebens und vom Wert der Kreativität als Grundlage für jede Entwicklung.

Wenn ich schon dabei bin, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Einen niederschmetternden Tiefschlag für meine Künstlerehre und mein freudiges Bewusstsein, meine Kreativität bewahrt zu haben, bekam ich bei einer geschäftlichen Besprechung. Geplant war die Errichtung eines Erlebniszentrums inmitten einer verschlafenen Region, und ich war eher zufällig dabei. Es ging vereinfacht darum, einen Kasten mit Bestaunbarem aufzustellen, der möglichst große Besucherströme anlockt. Die Rahmenbedingungen waren besprochen, und ich wagte den Entwurf, dass man sich mit der Namenswahl auseinandersetzen und ein Symbol benötige, dass es eine Philosophie und eine ansprechende Gestaltung gehen müsse, vom Empfangsraum bis zum Werbeprospekt. Ach, so meinen die planerischen Herren abfällig, das macht dann eh so ein „Werbefritze“ und das sei belanglos. Vielleicht gab es mir deshalb einen Stich, weil sie irgendwie recht hatten. Der „Werbefritze“, wie sie es ausdrückten, würde ja ohne Knete nichts tun, braucht solche Aufträge und es ist ja sein Job, kreativ zu sein. Ich hatte halt so meine Gedanken dazu, wie zum Beispiel, dass auf diese Weise keine harmonische Schöpfung zustande komme und die Besucher das auch spüren werden, aber ich sagte nichts mehr.

Wir haben also eine ungemeine Diskrepanz aufgedeckt. Hier ist das Künstlervolk, das in einer Region auftritt beziehungsweise ausstellt, und dort ist die gehobene Gesellschaftsschichte, die Geld hat und das regionale Kulturleben bevölkern könnte und sollte, weil für sie wird es (auch) gemacht. Tut sie aber nicht, die Créme de la Créme: erstens weil sie mobil ist, zweitens, weil sie andere Möglichkeiten hat als die Durchschnittsbevölkerung, drittens weil sie andere Interessen hat und viertens weil sie anderweitige Verpflichtungen hat. Und ich sehe in naher Zukunft keine wie immer gearteten Anzeichen, dass sich diesbezüglich etwas ändern wird oder kann.

So ist es, Freunde. Ich stelle mir nun nicht mehr die Frage, wo die Créme de la Créme bleibt, unsere regionale Schickeria. Ich weiß ja nun, wo sie bleibt. Man kann es nur emotionslos zur Kenntnis nehmen. Jetzt stelle ich mir eine andere Frage: ob wir weiterhin einfach unsere Privatpartys wie bisher feiern sollen und sie Vernissage oder Musikabend oder Bühnenperformance nennen. Oder ob wir uns etwas Anderes einfallen lassen.

Als Mensch mit natürlicher Veranlagung zum Pionier und etwas prophetischem Weitblick sehe ich auf uns zukommen, dass sich die Kluft eine längere Zeit hindurch noch weiter vergrößern wird, um sich danach jedoch nach und nach zu verringern.

Dafür sprechen Trends, die sich gerade abzeichnen. Etwa, dass die von Menschen geschaffenen Werke – also Handwerkskunst, Kunsthandwerk, kreatives Schaffen – wieder mehr gefragt werden. Auch macht sich ein Bewusstseinswandel breit, der spürbar macht, dass man sich mit positiven Energien umgeben sollte, was dazu führen wird,  dass ästhetische Kunst und wohltuende Musik wieder Wertschätzung genießen wird.  Massenware und Dekoration ohne jeglichen Bezug wird schwinden.

Auch die Wertschätzug intakter Natur und ruhiger Wohngebiete wird noch deutlich zunehmen. Selbstversorgung und regionale Autarkie werden als erstrebenswert empfunden, Importware wird wie früher die Ausnahme sein. Die Welt wird unsicherer, das Fliegen ungemütlicher und die Situation des Finanzsystems ist gelinde gesagt turbulent.

Es kann also über kurz oder lang sein, dass sich die gebildete und betuchte Schicht eines Tages wieder mehr mit ihrer regionalen Szene vergesellschaftet erlebt. Aber nicht in rauschenden Palästen für die Oberschicht, denn die wird es in dieser Form nicht mehr geben. Aber meine Hoffnungen, Ahnungen und Visionen wären schon wieder eine andere Geschichte. Und ich hätte auch ein Bündel von Projekt-Ideen…

Fürs Erste bleibt dem Künstlervolk das übliche Vernissagen-Treiben, oder wir entwickeln neue Geschäftsideen wie beispielsweise als wandelnde Bilder über den Laufsteg zu gehen oder sich Rechte an Filmen zu sichern, in denen die Akteure durch Bilderwelten taumeln. Wozu malen wir überhaupt noch Bilder, wieso bemalen wir nicht Tische oder lassen Böden nach unseren Vorlagen drucken, warum verzaubern wir nicht Räume mit Traumwelten oder bieten Bilder als Eyecatcher an?

Warum setzen wir uns nicht unseren eigenen Bilder wie Türme auf den Kopf, halten eine Lesung, bestehend aus unverständlichen Kunstworten, und verneigen uns feierlich vor dem Publikum? Wir könnten Leinwandstücke oder weiße Kartons auf dem Saalboden auflegen und die Gäste zum Betreten mit gefärbten Schulsohlen einladen und ihnen ihre eigenen Abdrücke übereignen – doch erst nachdem wir sie feierlich mit ein paar mutigen Pinselstrichen übermalt haben. Ach, das gab es schon? Oder so ähnlich? Nicht so leicht, sich etwas auszudenken, was es nicht schon gab, denn auch Aktionismus und Performance sind ziemlich ausgelotet.

Was sind wir doch für ein gestriges Volk, dass wir einer Welt, die uns endlos mit Bildern bestürmt, noch unsere Kreativität durch Bilder ausdrücken? OK, weil es unsere Natur ist, ach ja. So lasst es uns weiterhin tun, durch diese „Phase der Diskrepanz“ durchtauchen – aber doch ein wenig kreativer als bisher in der Welt mitmischen, die uns umgibt. Das vorhin war nur ein paar ganz verrückte Beispiele. Aber es gibt unzählige Möglichkeiten, mit Kunst mehr Beachtung zu finden. Vielleicht will uns das ja etwas sagen, dass wir mit unseren braven Vernissagen und Kunstmessen eine Art kulturelles Auslaufmodell aufrechterhalten und uns ein bisserl davon wegbewegen sollten.

Ich bin auf jeden Fall dabei und habe schon einige faszinierende Ideen… Und verwirkliche vielleicht wieder einmal etwas davon. Aber ich bin kein „Werbefritze“ mache aber auch  sonst nichts gratis. Wenn, dass mach‘ ich was außer zu meinem eigenen Vergnügen, hihi. Lieber fahre ich mal in ein cooles Outlet shoppen oder bin mal einige Wochen Segeln… Kann mich ja damit entschuldigen, dass ich auf Fortbildung war, wie die zuweilen die Ärzte…

 

 

 

 

 

 

 

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