Zwischen den Stühlen

…und ab durch die Mitte…

06 11 2016

Wer den Weg der Mitte geht, sitzt ständig zwischen den Stühlen. Ich kann davon ein Lied singen.

Schon in frühen Jahren erkannte ich, dass ich mich sozusagen immer in der Mitte des Balkens der Waage befinden wollte oder wenn man ein anderes Bild hernehmen möchte, im Zentrum des Kreises oder höherdimensional schlicht und einfach in der Mitte.

Die gesamte übrige Welt schien jedoch etws Anderes mit mir vorzuhaben und zog und zerrte, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Etwas in mir spürte, dass die Entfernung vom Mittelpunkt einer Entfremdung gleichkam. Also sträubte ich mich, wo es ging.

Aber etwas in mir wollte es wissen. Es war wohl der Wesenteil in mir, der Erfahrungen sammeln wollte und nach Bestätigung suchte. Wieder und wieder schloss mich der einen oder anderen Gruppierung an. Allen schien eine sonderbare Dynamik zu eigen, immer festgefahrener und zugleich unausgewogener zu werden. Das Dabeisein endete immer mit Unbehagen und mit dem Bestreben, wieder frei zu sein.

Dieser Pendelbegewegungen nach und nach müde und satt, wurde ich mehr und mehr zum Beobachter des Spiels, und da befinde ich mich auch heute.

Das bedeutet nun keineswegs, untätig zu sein und selbstgefällig in seiner Mitte zu ruhen. Zu tun bleibt immer genug für einen schöpferischen Geist.

Ein gewisses Staunen ist einem in dieser Position inne. Ameisenhaft strampeln und mühen sich seit unvordenklichen Zeiten Menschen außerhalb der Mitte ab, kämpfen für Miteinander und  Gegeneinander, glauben im Licht zu stehen und sehen die anderen im Dunkel.

Sie blicken nicht auf den Mittelpunkt, haben kein entsprechendes Bewusstsein und sehen dich nicht. Sie erkennen und verstehen nicht. Du bist ihnen sogar irgendwie unheimlich. Wenn du öffentlich in Erscheinung trittest, werden Schubladen gesucht und gefunden, in die du gesteckt wirst. Da du dich aber mit niemandem verbündest und niemandem unterwirfst, bist du für die Ziele „da draußen“ unbrauchbar. Du lässt dich ja nicht benutzen.

Und so wundert mich nicht, dass Menschen wie ich in dieser Zeit nichts gelten. Dein ganzer Weisheitsschatz, deine Kenntnisse und Fähigkeiten sind alle wertlos in einer Zeit, in der sich die Extreme austoben und gegenseitig nähren.

Ich kann gar nicht sagen, dass ich diese Einsamkeit freiwillig gewählt habe oder stur darauf beharrt hätte, ein Leben mit all den nachteiligen Konsequenzen der Verweigerung zu leben. Es hat sich einfach so ergeben, weil ich dieser inneren Erfahrungen in mir trug und mich durch nichts, aber auch schon gar nichts von meinem Herzensweg abbringen lassen wollten.

Wenn mir einmal jemand gesagt hätte, dass der Weg der Mitte nichts anderes ist als zwischen den Stühlen zu sitzen, hätte ich ihm allerdings in früheren Jahren nicht geglaubt. Da glaubte ich noch, dass der Wert des direkten Weges doch gespürt und gewertschätzt würde. Aber wie soll das gehen, wenn doch alles außerhalb der Mitte agiert und alle ihre jeweilige Position wichtig und richtig findet? Du bleibst innerlich stark,aber auf verlorenem Posten.

Die Weltenlehrer, die aus der Mitte lebten und handelten, wurden und werden ähnlich missverstanden und ihre Lehren werden abgeändert. Im politischen Leben ist die Entweiung in aller Deutlichkeit sichtbar, und da hast du definitiv keine Chance.

Nach und nach verstand ich, warum es unter den Kunstschaffenden Menschen gibt, die aus ihrer Mitte heraus handeln. Dies ist wohl der einzige Weg, der in unserer chaotischen planetaren Phase bleibt. Man hat zwar als kunstschaffender Mensch den Nachteil, zwar in gewisser Weise anerkannt, aber nicht ernst genommen zu werden. Respekt gilt den Gelehrten, die Würdenträger, den politischen Führern, den Wissensvermittlern, den Wirtschaftsbosse, auch wenn sie Unfug verzapfen oder Verbrecher sind.

Ja, es geht einigen so. Und es ist ja an sich egal, was du aus deinem Sein emittierst, um es etwas poetischer auszudrücken. Auch wenn das Spiel weitergeht und du dich natürlich auch im Reich der Kunst und des Kulturlebens wiederum zwischen den Stühlen befindest.

Denn so viel temporäre Kunst – damit meine ich natürlich auch Musik, Litertar, Theater…ist ein Spiegel der immer extremer und bizarrer agierenden Gesellschaft. Ein kreativer Mensch, der den mittleren Weg gilt, gilt in der heutigen Zeit als eigenschaftslos. Er provoziert nicht mit Hässlichkeit und Ekligem, ergeht sich nicht in Beschimpfungen und Anklagen, schürt weder Angst noch Hass.

Aber da ich sowieso schon seit jeher gewohnt bin, zwischen den Stühlen zu sitzen, bleibt es mir auch hier Ausdruck meines Seins, weil ich bin, wie ich bin. Es sind keine Ehrungen, Preise, Einladungen, Förderungen,  Aufträge zu erwarten. Ich schaffe, wie die Blume blüht, wie die Sonne scheint, wie Wasser fließt .

Manches Mal zieht es mich ein klein wenig heraus. Dann bin ich mal ein bisschen überschwappend fröhlich, musiziere, tanze, lebe mich aus. Und manchmal bin ich ein Weilchen traurig oder wütend, weil auch das sehr wohl seine Berechtigung hat. Jedenfalls beim Sammeln von Erfahrungen in der dritten Dimension.

Zunehmend aber bin ich es auch müde, und die Spaziergänge in diese Gefühlswelten werden seltener. Die Freude, die Liebe und der Mut, die in der Stille der Mitte beheimatet sind und keinen Schatten kennen, sie sind mein nicht verkörpertes Sein. Mein Schatz, der alles aufwiegt. Mein Zuhause. Es passt schon so.

hasellaubtext2016

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