LEBEN AM BACH – Mühlbach, Gössering, Stocksteinerwand

Inspiriert von der Broschüre meiner Mutter – http://helenepilz.wordpress.com„Unser Mühlbach in Hermagor von 1900 bis 2014“, erschienen im Jänner 2015, entstand diese Erzählung.


Es entsteht gerade eine Überarbeitung des folgenden recht fehler- und mangelhaften Textes. Sie wird in Fortsetzungen auf Steemit veröffentlicht.

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Teil 1 – 5 wurden bereits veröffentlicht (mit zahlreichen Abbildungen):

1 https://steemit.com/story/@martinamartini/life-at-the-brook-narration-part-1

2 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-2

3 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-erinnerungen-3

4 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-4

5 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-5

6 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-teil-6

7 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-teil-7

8 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-teil-8

9 https://steemit.com/deutsch/@martinamartini/leben-am-bach-eine-erzaehlung-teil-9


Siehe auch:

Natur, musst weichen

>> https://reflexionen.wordpress.com/erzahlungen/natur-musst-weichen/


Hier eine Buch-zum-Blättern-Version (leider auch fehlerhaft wie der alten Text unten):

http://www.flipsnack.com/GiaSimetzberger/muhlbach-skizzen.html

 


LEBEN AM BACH – unkorrigierte Urversion

Zwischen Mühlbach und Gössering und auf der Stocksteinerwand

Erinnerungen von Gia Simetzberger (@martinamartini)

Hier in PDF:  Muehlbachskizzen_Gia Simetzberger

Februar 2015

(Die folgenden Begebenheiten spielten sich hauptsächlich in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren ab)

Eine Art Vorwort zu den Skizzen

In einem Einfamilienhaus am Hermagorer Mühlbach, im sogenannten Oberen Markt, bin ich aufgewachsen. Nun lebe ich schon Jahrzehnte fern der Heimat, doch noch immer suche ich, wann immer es möglich ist, die Nähe fließender Gewässer. Wenn es auch nur das Plätschern des Zuflusses zum Teich vor dem alten Bauernhaus ist, in dem ich nun lebe, fühle ich mich an damals erinnert und deutlich wohler als in einem „wasserlosen“ Gebiet.

Während meiner Studien- und Berufsjahre war es nicht die Sehnsucht nach den vertrauten Bergen, wie bei so vielen. Am meisten fehlte mir das das charakteristische Rauschen und Murmeln des Bächleins. Nun dient mir der natürlich angelegte Schwimmteich als Ersatz.

Das hügelige Südburgenland ist Weinbaugebiet, Ackerland, Obstbaugebiet und Thermenregion, reich an Fischteichen, durchzogen von wenigen Flüssen, die von Laubbäumen und Dickicht gesäumt sind. An vielen Orten führen die Bäche nur bei starkten Regenfällen viel lehmhaltiges Wasser. Es ist mit dem alpinen Kärntner Seenland nicht zu vergleichen.

Mit dem Mühlbach in Hermagor und seiner „Mutter“, dem Gösseringbach, sind für mich – wie sicher für alle anderen Anwohner – zahlreiche Erinnerungen verbunden. Wie eine Diashow ziehen sie an mir vorbei, wenn ich die Augen schließe. Aus meinem Erinnerungsschatz schäle ich nun einige Begebenheiten heraus, die sich an diesem bemerkenswerten Bach und in seiner Nähe abspielten.

Die magische Natur der Kindheit

In meiner frühen Kindheit war alle Natur für mich magisch, ob es nun der Garten der Familie war oder der Park mit den großen Kastanienbäumen, der mir wir eine Insel zwischen Gösseringbach und dem von diesem abgezweigten Mühlbach erschien.
Stundenlang konnte ich beobachten, was da krabbelte und flog, beobachtete Blumen und Gräser. Doch ich war keineswegs ein ruhiges und verträumtes Kind, ich lachte, tanzte, hüpfte, sprang, schwamm und turnte gern. Und ich liebte auch Abenteuer. Als Schulkind las ich mit Begeisterung Abenteuergeschichten und da es an an weiblichen Vorbildner in dieser Richtung damals noch mangelte, war ich Old Shatterhand, der Letzte Mohikaner, begleitete Thor Heyerdahl auf seinen Exkursionen und war mit Sven Hedin auf dessen Expeditionen und mit Heinrich Harrer in Tibet.

Meine eigenen Abenteuer vor der Haustür spielten sich weit weniger spektakulär ab. Zwischen Schützenpark und Gössering durften damals Büsche und junge Bäume wachsen. Ich entdeckte ein Bäumchen, das von der Steinmauer aus leicht zu erklimmen war und ein relativ bequemes Sitze erlaubte. Dort verbrachte ich so manche glückliche Minuten, in denen ich mich unbeobachtet glaubte und die Umgebung auf mich wirken ließ.

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Die Autorin mit der wanderfreudigen Schildkröte Panti 1974

 

Wir lebten mit dem immerwährenden Rauschen. Es begrüßte mich bei jeder Heimkehr und begleitete mich in den Schlaf. Es begleitete jede Tätigkeit im Freien und jeden Plausch mit Passanten. Mächtiger mengten sich nur die Kirchenglocken der nahegelegenen Stadtpfarrkirche in meine recht beschauliches junges Leben ein. Mächtig, aber nicht so wohlklingend wie der Bach. Kirchenglocken klingen für mich seltsamerweise immer etwas verstimmt, bei Glockenspielen ist es zumeist nicht besser. Ich habe nich nicht ergründen könne, warum nicht stattdessen Wohlklingendes Pausen zeitliche Intervalle und die Mittagszeit verkündet. In den Schulpausen mit den schrillen Glocke steigerte sich die Taktung des Lebens regelrecht ins Martialische. Doch alles übersteht man, alles geht vorbei. Was Wunder aber, wenn man, so man die Wahl hat lieber vor der Zivilisation flieht, zu den Bächen, in die Wälder? Und nur weil man Schutz und Labung benötigt und ein soziales Wesen ist, kehrt man wieder in die laute und zuweilen disharmonische Menschenwelt zurück.

Wohlklänge

Zum Glück gibt es die „holde Kunst“, die Musik, und diese wurde in meinem Heimathaus sehr intensiv gepflegt. Alle meiner Angehörigen spielten ein oder mehrere Musikinstrumente. Meine Mutter war unter Anderem Musiklehrerin, Chorleiterin, unterrichtete Geige und zeitweise als Organistin tätig. Es gab Hausmusik mit Freunden. Ich spielte überwiegend Klavier. Das Klavier befand sich in einem Raum an der Gasse, und so blieben dann und wann Passanten stehen, um den Klängen zu lauschen. Mir war es, als würden auch die Singvögel im alten Pflaumenbaum vorm Fenster Interesse an den Klängen zeigen und antworten. Auch wenn diese musikalische Zwiesprache zwischen Tier und Mensch nur in meiner Fantasie stattfand – für mich reihte sie sich in die vielen Naturerlebnisse ein, die meine Kindheit mindestens ebenso prägten wie die Begegnungen mit Menschen.

Respekt vor den Fluten

Der Zugang zum Mühlbachl hingegen wurde von uns Kindern respektiert, weil wir schon früh auf die Gefahr der reißenden Wassermassen aufmerksam gemacht wurden. Das Bachbett war relativ tief – heute ist es auf einer Seite wieder mehr der Natur nachempfunden und entschärft. Das Wasser hatte eine hohe Fließgeschwindigkeit und so viel Kraft, dass ein Stehen im Bach undenkbar war.
Und so war es eigentlich nur „Brauch“, in den Bach zu schauen, mit seinem wunderbar klaren Wasser, mit den grünen Fadenalgen, die stellenweise den Rand einsäumten, mit den Steinen in ihrer Vielfalt, die den ruhigen Lauf unterbrachen und Wirbel erzwangen – und wir schrien begeistert auf, wenn wir Forellen entdeckten. Es bedarf gesunder, geübter Augen, im bewegten Wasser Forellen stehen zu sehen.

Kinderleben am Bach

Wir Kinder hatten nichts, was wir hätten entbehren können, hätten in den Bach werfen wollen, um zu sehen, wie es wegschwimmt. Bis auf ein paar Gräser vielelicht, ein paar „Tschurtschen“ (Zapfen von Koniferen). Unser weniges Spielzeug war uns zu kostbar, eine Schelte wäre uns gewiss gewesen. Wir hüteten uns davor, am Bach Ball zu spielen. Ein Ball war etwas Kostbares. Das möchte ich kurz ilustrieren. Von der Großmutter bekam ich dann und wann eine Münze geschenkt. Ein einziges Mal kam ich auf die Idee, das Geld nicht zu sparen, sondern mir etwas zu kaufen. Dieses Etwas war ein kleiner roter Ball. Ich überlegte lange, ob ich ihn erstehen sollte. Selten war ich so aufgeregt wie damals, as ich von Kaufhaus Jochum mit meiner Kostbarkeit heimkam. Ich hütete ihn den Ball einen Augapfel…

Steine waren längs des Baches nicht vorhanden. Papierschiffchen falten und ins Wasser geben war ungebräuchlich. Und das scheint bis heute so geblieben zu sein… So einfach zu realisierende Vergnügen – aber kaum einer denkt daran. Stattdessen wird viel in Spielzeug investiert, das nach kurzem Gebrauch in einer Ecke landet. Wir benötigten nur ein paar Naturmaterialien und gruppierten sie – es war spannender als so manches „gekaufte Zeug“.

Ja, und seltsamerweise wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, auch nur eine einzige Rosskastanie in den Bach zu werfen. Denn diese waren für mich auch etwas Besonderes, Kraftvolles. Gerne sammelte ich im Herbst ein paar davon. Im Sommer pflückte ich gerne Wiesenblumen und vierblättrige Kleeblätter. Von denen gab es im Schützenpark ganz viele. Richtige Fundplätze gab es da zuweilen.

Spielen am Bach

Die Straßen und Wege längs des Mühlbaches waren unsere Spielplätze. Damals war die Stadt noch kinderreich und Einzelkinder wie ich waren ziemlich selten. Nach den Schulaufgaben liefen die Kinder auf die Straße und trafen sich mit den Nachbarkindern. Gemeinsam zog man los und ersann Spiele. Ohne Fahrrad, Bälle, ohne jegliche Ausrüstung waren wir in der Lage, uns stundenlang gut zu unterhalten.
Beim Fangenspielen mussten die großen Bäume im Park zum „Einschauen“ herhalten. Es gab da auch ein Mädchenspiel namens „Zimmer, Küche, Kabinett“, an dessen Spielregeln ich mich nicht mehr erinnern kann. Tempelhüpfen übten nur die Mädchen. „Schneider, leih‘ mir die Scher’…“ war ein weiteres Spiel, das mir irgendwie unheimlich war, denn eine Schere, das hatte für mich etwas Gruseliges.

Wenn wir Kinder uns weiter hinein in den Gösseringgraben trollten, der wie schon der Schützenpark von Gössering auf der nördlichen und vom Mühlbach auf der südlichen Seite begrenzt war, brachten sich die Buben mit dem Klassiker„Räuber und Gendarm“ ein und dominierten das Spiel. Holzstöße, mit Wellpappe zugedeckt, säumten den ersten Teil der Strecke in den Graben und boten sich ideal als Spielgelände an für ein spannendes Drama mit friedlichem Ausgang.

Die Namen sind weg, auch die Gesichter… Es gibt keine Fotos von diesen Spielgefährten. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Dekan-Kinder dabei waren, vermutlich auch Kinder aus der „Neuen Heimat“ und vom Thurnfeld. Aber ich müsste mich hypnotisch in diese Jahre zurückversetzen lassen, um mich ihrer zu entsinnen.

Damals gab es viel mehr Kinder. Heute wird vor jedem Besuch telefonisch nachgefragt, werden Termine vereinbart. Das Wort „Termin“ kannten wir damals gar nicht.

Die alte Baracke

Ein Stückchen weiter, an Wiesen und Obstgärten vorbei, stand eine Baracke, die einmal als simple Jugendherberge diente, nach einem verheerenden Hochwasser als Notquartier und später als Behausung für eine mittellose Familie und für deren Ziegen (unvergessliche Geruchserinnerungen). Gerne hätte ich ein Foto oder eine Zeichnung von diesem Gebäude – doch leider, solche unbedeutenden Behausungen wurden seinerzeit nicht für die Nachwelt fotografisch festgehalten. Nun ist auch im Schützengraben alles fast zu gesittet und ordentlich, die Häuser und Gärten gepflegt, Carports sorgen für mehr Komfort, die Straße wurde bis zu den letzten Häusern asphaltiert… Wie viel schöner war alles, als es noch weit weniger gezähmt war und noch Wildkräuter die Straße säumten.

Die Lacke in der Mulde

An der Stelle, wo sich rechterhand die Baracke befand, auf der gegenüberliegenden Seite, nur wenige Schritte weiter vor dem Gasser-Haus (wobei ich nicht weiß, ob es damals schon errichtet war) führte ein ekleien Brücke über den Mühlbach. Dort fanden wir Kinder mit ein wenig Glück eine „Lacke“, eine Wasserstelle vor, die sich nach stärkeren Regenfällen oder nach der Schneeschmelze eine Zeitlang hielt. Um sie herum spielten wir. Es war kein regelrechter Sumpf, das temporär, und daher stand nur das Wiesengras an den Ufern des kleinen Teiches zeitweise unter Wasser. Das hatte etwas Interssantes für uns. Die Mädchen hielten auf der halbschattigen Wiese Ausschau nach Blumen liefen zwischen Mühlbach und Lacke hin und her. Gerne flochten wir Kränze oder Ketten aus großen Blüten oder zupften amn den Rispen der Gräser. Die Buben waren eindeutig die lautere Truppe und verleiteten uns manchmal ebenfalls zu waghalsigem Tun wie Klettern, Balancieren, zum Erkunden eines abgesperrten Überlaufs… Damals machte sich kein Erwachsener Gedanken darüber, ob solche Areale abzusichern seien. Wir spielten überall unbeaufsichtigt und auf eigene Gefahr – und nie ist etwas passiert!

Das Floß

Ein besonders schönes Erlebnis in dieser Mulde unterhalb vom Thurnfeldweg, westlich von einem dichten steilen Wald eingesäumt, wurde unserer kleine Schar von Nachbarkindern zuteil, als irgendjemand ein schlichtes Floss geschaffen hatte. Vermutlich war da ein wohlwollender Onkel oder Papa im Spiel gewesen, aber es sprach sich nicht bis zu mir durch und – ja, seltsam, man hinterfragte so etwas gar nicht, es WAR einfach. Die mutigsten Buben wagten sich auf dieser schwankenden Unterlage auf diesen winzigen Teich und versuchten sich mit großen Haselnussstecken mehr oder weniger erfolgreich fortzubewegen. Irgendwann wr das Floss nicht mehr da – und es folgten trockenere Jahre. Die Lacke bildete sich immer seltener, um schließlich ganz auszubleiben. Die sanfte Betrübtheit, die diese Beobachtung in mir auslöste, lehrte mich, dass irdische Vergnügen zuweilen sehr von äußeren Umständen abhängen und vergänglich snd.

Die Stangen

Wenn uns noch Zeit blieb und wenn wir noch ein Stückchen im „Graben“ weiterliefen, gelangten wir zu einer großen Grünfläche, auf der in gleichmäßigen Abständen in ca. einem Meter Höhe Eisenrohre von ca. acht Zentimeter Durchmesser angebracht waren. Auch wenn wir Kindern wussten, dass diese Stangen zum Anpflocken von Rindern dienten, bei gelegentlich stattfindenden Viehmärkten, so blendeten wir diese Verwendung, mit der wir uns nicht identifizieren konnten, völlig aus. Diese „Stangen“, wie wir sie nannten, waren ein fantastischer Spielplatz. Sie dienten uns zum Balancieren, wir schaukelten daran herum und tollten dazwischen umher.
Auf der Gösseringseite führt ein Weg zum Bach. Diese flachere gut zugängliche Stelle wurde von uns gerne ins Spiel integriert.

Meine Plastik-“Kroki“

Öfter jedoch als mit anderen Kindern war ich allein unterwegs oder in Begleitung von Angehörigen. Ich kann mich dunkel erinnern, dass bei solchen Spaziergängen mit Eltern oder Großeltern auch Spieltiere oder Teddys mit dabei sein mussten, als ich mich im Vorschulalter befand. Das Baden eines kleinen aufblasbaren Krokodils, das ich an einem Vorfrühlingstag mit einen Bindfaden ins Wasser setzte, in Pfützen aus Tauwasser, längs des Weges, hat mich sehr begeistert. Später lief oder radelte ich allein in den Graben und beobachtete Tiere und Pflanzen. Bilde ich mir eine, dass es damals weit mehr krabbelte und eine größere Vielfalt von Arten vorhanden war? Oder nahm ich noch mehr wahr und war von meinen Entdeckungen so sehr beeindruckt? Im Herbst sammelte ich die bunten Blätter, die von den Bäumen fielen. Ganz besonders mochte ich die der Ahornbäume-Allee längs dem Viehplatz und presste sie zwischen Zeitungsblättern.

Maikäfer sammeln

Heute gibt es keine Spur mehr von dem Rinderplatz. Und wohl auch kaum mehr eine Erinnerung daran, dass in Zeiten der Maikäferplage auf diesem Platz eine Abgabestelle für de gesammelten Käfer eingerichtet wurde. Dort fanden sie ihr End. Wir Kinder verdrängten jeden Gedanken an diese unvermeidliche Vernichtung, auch wenn der Geruch der verbrühten Insekten weithin wahrzunehmen war. Wir freuten uns über das bisschen Geld, das wir für das Sammeln erhielten. Eine Zeitlang war wegen der verheerenden Maikäferplage Abgabepflicht für jeden Haushalt. Schulklassen rückten in den frühen Morgenstunden aus. So makaber es klingt, aber gerade beim Maikäfersammeln habe ich die schönen Aspekte des Frühaufstehens, des Erlebnisses des morgendlichen Aufwachens der Natur, schätzen gelernt.

Nein, ich hatte gar nichts gegen diese Krabbeltiere. Einzeln betrachtet sind sie schön. Kälte macht sie klamm, sie lassen sich leicht von den Blättern, ihrer Nahrungsquelle, pflücken. Durch die Handwärme beginnen sie zu krabbeln, und das piekst und kitzelt ganz eigenartig.

Meine Eltern zeigten mir aber auch die Raupen der Maikäfer, die Engerlinge, die aussehen wir fette weiße Würmer. Sie richteten in unserem Gemüsegarten einigen Schaden an. „Entsorgt“ wurden sie von den Anrainern des Mühlbachs auf einfache Weise: Sie traten eine „Seereise“ zur Donau an, wie man zu sagen pflegte.

Weinbergschnecken

Was mich eines Tages dazu bewegt hat, einen ganzen Schuhkarton voller Weinbergschnecken entlang der beiden Bäche einzusammeln und sie ins Haus zu tragen, kann ich mich nicht mehr entsinnen. Kann sein, dass ich eine Anregung zu dieser Missetat einem Kinderbuch von Ludwig Thoma verdanke, das ich der örtlichen Bibliothek der Arbeiterkammer entlehnte. Ich weiß es nicht mehr genau. Möglicherweise habe ich eine Variante des Maikäfer-Streichs von Max und Moritz ausprobieren wollen.

Wie dem auch sei, die Weinbergschnecken blieben natürlich nicht ruhig. Irgendwann hob sich der Deckel des Schuhkartons mitten in der Küche, und die Weinbergschnecken trachteten danach sich zu befreien. Sie kamen nicht weit und mussten von mir wieder zurück zum Waldrand gebracht werden, wo ich sie eingesammelt hatte.

Es soll ja Menschen geben, für die Weinbergschnecken ein Genuss sind. Heute sind sie eine gefährdete Art. Nicht einmal im Krieg wäre man aber hierzulande auf die Idee gekommen, diese Tiere zu verspeisen. Heute kommt der Verzicht von Heuschrecken in Mode. Der Gedanke an von Einwohnern verschmähte, da ihnen fremde Gerichte – seien es Schnecken, Muscheln, Pilze, was auch immer – bringt mich zum Grübeln, warum die Menschen über Heuschreckenplagen klagen, die ihre Eernte vernichten, statt sich über die Riesenmenge an nahrhaften Getier zu erfreuen, welches ihre Nahrungsversorgung auf andere Weise sichergestellt hätte. Handelt es sich bei den gefürchteten Wanderheuschrecken womöglich um eine ungenießbare Spezies. Oder sind die Menschen von Zeit zu Zeit ein bisschen einfältig? Oder litten sie unter falschem Stolz? Waren falsche Ratgeber oder gar keine zur Stelle? Oh, ich neige dazu, ins Philosophische abzugleiten – wieder einmal ist es soeben geschehen.

Wasserfall und Wasserwehr

Für alle, die den künstlich geschaffenen Wasserfall, der über eine Mauer herabbricht, und das größere Wasserwehr nicht kennen: Diese Anlage befindet sich etwa fünfzig Meter hinter dem ehemaligen Rinderplatz. Heute befindet sich an seiner Stelle ein banaler Spiel- und Sportplatz mit ein paar bunten Spielgeräten und einem simplen Fußballtor, mäßig frequentiert, ein wenig verschlafen. Man könnte auch sagen, das Wasserfall-Gelände befindet sich am Beginn der ehemaligen „Fitnessmeile“. Da diese aber wieder verschwunden ist, ist diese Information nur ein winziges historisches Detail. Wird der Weg im Gösseringgraben nun noch von Sportlern als Laufstrecke genutzt, als Walking-Parcours, ist er zu einer Mountainbiker-Strecke geworden? Gibt es einen Baum-Lehrpfad wie an vielen Orten? Trends ändern sich. Jedenfalls hält sich der Weg im Graben – hoffentlich – als öffentlicher Spazier- und Wanderweg, denn es handelt sich um ein wunderbares Erholungsgebiet und mit seinen unterschiedlichen Wachstumszonen vermutlich um ein kleines Paradies für Botaniker.

Der Aufenthalt an einem Bach oder an einem Wasserfall haben etwas sehr Erfrischendes und Stärkendes. Womit diese Wirkung auch immer erklärt und begründet werden mag, ist im Grund belanglos – Hauptsache, es wirkt.

Der Frosch

In eine tödliche Falle geriet leider ein riesiger Frosch, dem das Wasserwehr am Wasserfall zum Verhängnis wurde. Diese schaurige Entdeckung machte ich als Mädchen vo etwa sechs Jahren, als ich mit Familienangehörigen im Graben spazieren ging. Dieser „kapitale“ Frosch hätte eigentlich als Präparat in einem naturkundlichen Museum landen sollen. Nie wieder habe ich ein so großes Exemplar gesehen.

Doch um noch einmal zum verunfallten Frosch zurückzukehren: Besagter Frosch beging den tödlichen Fehler, sich zu sehr dem Wasserwehr zu nähern – im schattseitigen Bereich, da wo der Mühlbach von der Gössering abgezweigt wird (ja, es ist Gösseringwasser, das im Mühlbach-Bachbett fließt und sich am unteren Ende des Ortes wieder mit der Gössering vereinigt.

Die Wege des Wassers und ihre Beeinflussung durch den Menschen waren mir damals egal. Nicht gleichgültig war mir aber der Frosch, der in den Strudel geraten war und irgendwann nach verzweifeltem Kampf einsam sein Leben aushauchte. Eine Falle, von Menschen gebaut – nicht um Frösche zu fangen, aber… Das Erlebnis schlug eine Kerbe in mein Seelenkostüm. Ich spürte, wir Menschen schaffen zuweilen Künstliches, ja manchmal Widernatürliches, das für Mensch und Tier zur tödlichen Falle werden kann.

Der Stein der Kraft

Regelrechte Kraftplätze – nun, da gibt es fühlige Menschen und Spezialisten, die sich damit beschäftigen. Einer davon ist Peter Bachmann, ein entfernter Verwandter meiner Familie, vom Gastronom in Obervellach zum international geschätzten Feinkostproduzenten avanciert. Er gestaltete schon vor vielen Jahren einen Wünschelruten-Lehrpfad, der von Obervellach bis Radnig führte. Im Schützenpark wurde auf sein Betreiben ein stattlicher Stein aufgestellt, der einen solchen Kraftplatz markierte.

Leider sind solche mit viel Liebe geschaffenen Projekte nicht beständig. Ich bin davon überzeugt, dass es in und um Hermagor von Kraftplätzen nur so wimmelt und noch lange nicht alles enträtselt und erschlossen ist. Aber vielleicht ist es auch gut so. Ist es nicht schöner, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen und seine Rezeptoren zu trainieren?

Die Unbilden der Natur

Doch sind denn Naturgewalten natürlich? Nehmen sie Rücksicht auf Lebendiges? Viele Gewässer enthalten Strömungen und Wirbel, die Mensch und Tier zur Gefahr werden können. Schluss, aus, der Frosch wird nicht beklagt. Inzwichen hat er womöglich schon unzählige weitere Inkarnationen an sich. Wir wissen es nicht. Der Gedanke ist jedenfalls tröstich.

Als Frechheit beziehungsweise als bösen Streich der Naturgewalten betrachtete ich es als Kind, dass mein Geburtstag – Anfang Juli – mit ziemlicher Regelmäßigkeit von wüsten Sommergewittern und Hagelschlag beeinträchtigt wurde. Meine einzige Party des Jahres wurde durch Unwetter Jahr für Jahr abrupt beendet. So lieb mir die Bäche waren, so willkommen mir Sonne und Hitze sind, so wenig mochte ich Blitz und Donner und den zerstörerischen Hagel.

Meine Freundinnen und ich saßen alljährlich gerade gemütlich im Garten bei Erdbeertörtchen und Limonade… Der Himmel wurde gelb, just als wäre das Himmelsschauspiel inszeniert und von einem Miesmacher genau für meine Feierstunde bestellt gewesen. Dann prasselte der Hagel hernieder, wir flüchteten ins Haus. Manchmal wurden Fensterscheiben eingeschlagen. Mit und ohne eingeschlagene Fensterscheiben… eine solche Geburtstagsparty ist gelaufen.

Hochwasser

In meiner Kinderparty-Zeit ahnte ich noch nicht, dass ich in der Schützenparkgasse auch die Ausläufer des verheerenden Erdbebens in Friaul 1976 und einige bedrohliche Hochwasser-Situationen miterleben würde. Ja, das Mühlbachl und die Gössering konnten zu einem reißendem Strom werden, zu einer unheimlichen Brühe zusammenfließen. Beide konnten über die Ufer treten, bildeten einen trüben See östlich und südlich von unserem Haus und richteten Verwüstungen an.

Das Bachbett der Gössering wurde irgendwann in den Siebziger- oder Achtzigerjahren vermutlich zum Schutz vor Hochwasser verstärkt. Ein kahles Gerinne erinnerte nun an eine überdimensionierte Bobbahn. Im Zuge dieser Erneuerung wurde der wildwuchernde Bewuchs an den Ufern entfernt. Für mich hatte es den Anschein, dass der bei rascher Schneeschmelze und nach Unwettern angeschwollene Gösseringbach in der Kurve am Auslauf des Gösseringgrabens nun sogar an Wucht gewann, aber das war vermutlich nur ein gefühlter Eindruck.

Nach anhaltenden Regenfällen wurde in einem Sommer Anfang der Achtzigerjahre der schöne Blumengarten meiner Eltern regelrecht vernichtet. Eine dicke Schlammschicht erhöhte das Niveau des Garten um zehn Zentimeter oder mehr. Es war das Ende rarer Narzissensorten und eines liebevoll angelegten Steingartens.

Oft hatte ich mich darüber beklagt, dass unser Haus über keinen Keller verfügte wie die Wohnhäuser mancher Schulkameraden. Nun erfuhr ich, wie es ist, als Folge einer Überschwemmung knöcheltief im Wasser zu waten. Unser einst so schöner Garten war von einer dicken Schlickdecke bedeckt. Erst als ich an den Aufräumarbeiten nach der Überschwemmung beteiligt war, begriff ich, warum unser Wohnhaus, das vom Mühlbach nur durch eine schmale Straße getrennt ist, nicht unterkellert ist und weshalb der Eingang nur über ein paar Stufen zu erreichen ist.

Ein Wunder – oder ein Zufall

Eine wundersame Geschichte um ein historisches Hochwasser in Hermagor wird nicht nur überliefert, sondern wurde auch auf einem Gemälde festgehalten, das sich in der Thurnfeldkapelle befindet oder befand. Der damalige Ortspfarrer erhob die Arme zum Gebet, während ein fürchterliches Hochwasser wütete. Es wird erzählt, dass sich die Wassermassen zurückzogen, als er zu beten begann.

Daran erinnerte ich mich, als es gerade wieder ein Hochwasser gab. Der Mühlbach war bereits aus seinen Ufern getreten. Das Hochwasser umspülte bereits unser Haus. Das Wasser drohte ins Haus einzudringen. Bei diesem verheerenden Hochwasser sah ich mehrere Baumstämme in der Gössering treiben. Wir konnten von Glück reden, dass keiner davon über den Park zu unserem Haus schoss und in die Mauer krachte. Die Baumstämme und mächtige Äste drohten die Brücken zu verklausen. Es sah so aus, als würde das Wasser bald die Gösseringbrücke am Fuß des Martinzenweges wegreißen. Als die Situation dermaßen bedrohlich erschien, fiel mir die Geschichte vom frommen Pfarrer ein und ich versuchte es ihm gleichzutun. Ich dachte, jetzt probier’ ich das auch aus. Zum Glück was niemand in meiner Nähe, als ich die Arme ausbreitete.

Das hatte schon etwas Unheimliches! Gerade zu diesem Zeitpunkt begann der Wasserspiegel wieder zu sinken und die Sonne brach hervor. War es Zufall oder hatte ich etwas bewirkt – egal. Hauptsache, das Wasser ging wieder zurück. Ich finde es seither jedenfalls lustiig, dass wegen eines solchen Vorkommnisses ein Bild gemalt wurde. Vermutlich weil es der Pfarrer war, der dieses „Wunder“ bewirkte.

Unfreiwillig im Wasser

Vor einigen Jahren – so wurde mir berichtet – fiel ein kleines Mädchen in den Mühlbach und konnte zum Glück unversehrt gerettet werden. Auch diese Begebenheit wurde als „Wunder“ bezeichnet. Meine Mutter erinnert sich daran, dass zumindest einmal ein Kind, das in den Bach fiel, nicht mehr gerettet werden konnte. In den Sechzigerjahren wäre ein Bub – ein spätere Mitschüler von mir – beinahe in den Mühlbach gestürzt. Dieser Junge namens Thomas – so erzählte mir ein Nachbarmädchen einmal – spielte mit anderen Kindern. Plötzlich blieb er stehen, starrte in den Mühlbach. Er sah offenbar einen blauen Gegenstand. Oder vielleicht spiegelte sich der Himmel im Bach. Er murmelte: „Ich sehe blau – blau – blau“, beugte sich immer mehr vor, verlor das Gleichgewicht und wäre um ein Haar in den Bach gestürzt, hätten ihn nicht andere Kinder im letzten Moment zurückgerissen.

Dieser Thomas (Wachter), Sohn des damaligen ärztliches Leiter eines Rehablitatszentrums für Kinder (heute die Gailtalklinik), lebte offenbar gerne etwas riskant. Meine Schulfreundin Gerli (Gerlinde), Tochter des Amtstierarztes, erzählte mir, dass Thomas einmal beim Spielen den Kopf zwischen die Gitterstäbe eines Fensters im Parterre ihres Elternhauses steckte und zwar hinein kam, aber den Kopf nicht mehr herausziehen konnte, weil die Ohren bremsten. Der Schmied, der wenige Häuser weiter wohnte, musste zu Hilfe gerufen werden, um das Gitter aufzubiegen und das Kind aus seiner misslichen Lage zu befreien. Doch das nur so nebenbei.

Ein riskanter Rettungsversuch

Eigenartigerweise und zum Glück bin ich nie in Gefahr gekommen in den Bach zu zu stürzen – ganz gewiss auch dank erwachsener „Schutzengel“ – aber stattdessen sprang ich einmal an der Stelle, an der die Frauen früher ihre Wäsche schwemmten, sogar freiwillig in den Bach. Ich war damals etwa neun Jahre alt und hatte wohl etwas von einer verdrehten Heldenhaftigkeit, als ich einen Badeschlapfen verlor. Durch ein mir heute unerklärliches Missgeschick fiel der Kunststoffschlapfen in den Bach und meine spontane Reaktion war, dass ich ihn um jeden Preis retten musste. So unbedacht sind Kinder. In einer solchen Situation denken sie nicht an Gefahren. Der Bach riss mich mit sich fort. Der Schlapfen schaukelte dahin und war bald in weiter Ferne, für immer für mich unerreichbar. Und ich verfing mich an einer Sperre, wenige Meter unterhalb meiner „Einsatzstelle“, sonst hätte mich das Wasser ebenso weitergetrieben wie das verlorene Schuhwerk. Auch Schwimmkenntnisse hätten nicht viel genutzt. Danach wäre es hinter der Stocksteinerwand in großer Geschwindigkeit weitergangen.

Ein Riesenglück für mich, dass es diese Absperrung gab. Ich hing völlig hilflos an dieser Art großem Rechen, durch den Sog der Wassermassen wie festgebunden, und schrie nach Leibeskräften um Hilfe. Nun ist das Rauschen des Baches ziemlich laut, da muss man schon sehr laut schreien, um vernommen zu werden. Unsere Nachbarin, Frau Klabuschnig, hörte meine Hilferufe und zog mich heraus. Eine Lektion habe ich damals gewiss gelernt: dass es sich nicht lohnt, sein Leben für Kleinigkeiten aufs Spiel zu setzen.

Freiwillige Begegnungen mit dem Wasser

Doch mit „unseren“ beiden Bächen waren für mich auch schöne Badeerlebnisse verbunden. Im Mühlbach benetzten wir nur Hände und Füße, für Baden kam er nicht in Frage. Der Gösseringbach, der vom Gitschtal herabkommt, aber diesem eigenartigerweise nicht seinen Namen verlieh, hat flachere und tiefere, ruhigere und wildere Stellen. An manchen sonnigen Stellen mit Sandbänken fanden sich an Sommertagen einzelne Naturliebhaber ein und genossen die Annehmlichkeit einer leicht erreichbaren Bademöglichkeit.

Aber selbst im Hochsommer hatte das Gebirgswasser weit unter angenehmer Badetemperatur. Als geborene Wasserratte, die gerne planschte und schwamm, hatte ich im sechs Kilometer entfernten Presseggersee mein Badeparadies. Er wird oft scherzhat Badewanne genannt, weil er in manchen Sommern bis zu 27 Grad Wassertemperatur hat. Aber vor der Haustüre war gewissermaßen Kneippen angesagt.

Für Kaltwasser-Anwendungen scheine ich aber nicht prädestiniert zu sein, also vollzog sich Jahr für Jahr dasselbe Ritual des langsamen Gewöhnens an das Bachwasser. Jedes Jahr zu Sommerbeginn hielt ich es nur wenige Sekunden mit den Füßen im Wasser aus. Täglich wagte ich es ein wenig länger und wagte mich in tieferes Wasser. Was für ein Triumph, wenn der Bann gebrochen und die Abhärtung erneut vollzogen war und endlich ein Bad erträglich wurde! Glücklich und stolz stakste ich im Bachbett umher und genoss die paar Schwimmzüge im Bassin des Wasserfalls. Ab und zu begaben wir uns hinter dem Wasserfall, der wie ein mächtiger, im Sonnenlicht schilernder Vorhang herabschoss.

Am Stein

Weiter hinten – „hinten im Graben vor der ersten Brücke“ bzw. „beim Stein“, so bezeichneten wir das Platzl, befand sich ein besondere beliebter Badeplatz. Leider ist diese Stelle heute nicht mehr so einladend, weil sich ein Bachbett und seien Landschaft nun einmal im Lauf der Jahre verändert, teils durch natürliche Vorgänge, teils durch Eingreifen der Menschen. Dieses Gebiet ist nun eher unzugänglich.

Einst führte ein Weg zu einer Furt. Auf der gegenüberliegenden Seite erkundeten wir Kinder auch das Areal, kamen jedoch nicht weit, weil uns ein Meer von Brennesseln das Weiterkommen aufgrund unserer spärlichen Bekleidung verwehrte. Das Rauschen des Baches, die Düfte der üppigen Vegetation, blauer Himmel und Sonnenschein – unser Glück war eigentlich vollkommen.

Von einem verirrten weißen Ribiselstrauch unweit des Weges, einem versprengtes Zeichen der Zivilisation, naschten wir ab und zu ein paar Beeren. Letten (feiner Sand) und Geröll längs des Baches ermöglichten ein spartanisches Sitzen am Bach auf Badetüchern oder Matten. An der Naht zum Hinterland säumte riesige Huflattichblätter, Brennesseln und allerlei Gestrüpp den Gösseringbach.

Es war unerlässlich, abgehärtet zu sein und eine gewisse Mindestkondition zu haben, um in dem reißenden Wasser vom westlichen Bachufer – hier verläuft die Gössering in nord-südlicher Richtung – zu einem mächtigen länglichen Stein in der Mitte des Baches zu gelangen. Westlich vom Stein war eine seichtere Zone, in der man lustig herumplanschen konnte. An dieser Stelle fand man auch viele besonders flache Steinchen, die sich gut zum „Platteln“ über die Wasseroberfläche eigneten. Ein Spiel, das sowohl Buben als auch Mädchen gerne praktizierten. Wer eine oder mehrere Wiederholungen schaffte, fand für seine Geschicklichkeit Anerkennung bei seinen Spielgenossen.

Glücklicherweise wurden wir im Sommer von Insekten weitgehend in Ruhe gelassen. Erst ab Mitte August waren manchmal geflügelte Quälgeister zu verzeichnen. Es waren zwar nur vereinzelte Bremsen, die sich auf uns stürzten, aber als Kind ist man weit schmerzempfindlicher, und daher hatten wir Angst vor diesen Blutsaugern. Das Auftauchen der Bremsen machte das Wildbaden unattraktiv. Man fuhr daher wieder häufiger „zum See“.

Niemand pflegte das Wildbaden an der Gössering regelmäßig. Wir Kärntner sind ja mit Badeseen verwöhnt. Der Presseggersee, nur wenige Kilometer von Hermagor entfernt, bot mehr Möglichkeiten, Leckereien, war als Treffpunkt besser geeignet. Kurzum, das gab es „High Life“.

Erst viele Jahre später wurde auch das Wildbaden an der Gail zunehmend beliebt, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass die Wege längs der Gail ausgebaut wurden und daher die Ufer besser zugänglich sind. Heutzutage erfrischt sich wohl kaumjemand an Mühlbach oder Gössering. Alles zieht vorbei, artig auf den markierten Wegen bleibend. Eine Zeit der organisierten Naturerlebnisse, wenn überhaupt. Aber vielleicht täusche ich mich.
Doch auch das kann sich ja wieder ändern.

Der alte Herr Mende

Nervenkitzel schufen wir Kindern uns aber auch auf andere Art. Dort wo sich heute eine Glaserei und Spenglerei befindet, wo wir die besagten Holzstapel ins Räuber- und Gendarm-Spiel einbezogen nach Art einer Wildwest-Kulisse, lebte zurückgezogen ein Steinmetz. Wir fürchteten uns vor ihm. Wobei sich die Sache natürllich aufschaukelte. Die Buben provozierten Herrn Mende, indem sie sein Areal nicht respektierten. Dieser verteidigte sein Revier lautstark vor sich hin polternd und lief den Buben hinterher, so gut er konnte.

Auch vis-à-vis von seiner Ausstellung von selbst angefertigten Grabsteinen befanden sich Holzbaracken. Damals gab es bei uns weit und breit keinen Asphalt, ausgenommen auf Landes- und Bundesstraßen. Echte Kamillen blühten vor den Baracken. Wenn die Sammelzeit war, sammelte ich Huflattichblüten und später Kamillenblüten und Spitzwegerichblätter und brachte sie zufrieden für Teezubereitungen nach Hause.

An den Provokationen des Herrn Mende beteiligte ich mich nicht. Ich spürte, dass er nichts dafür konnte und womöglich auch gar nicht so ein schrecklicher Riese war – dass aber die Provokateure davon überzeugt zu sein schienen – und das ist wohl nur so erklärlich, dass sie sich selbst in ihrer Gedankenwelt ein derart negatives Bild von diesem älteren Herrn schufen, der völlig friedlich war.

Dass der alte Herr Mende kein Ungeheuer war, sondern ein Mensch, der zu Kindern sogar sehr freundlich war, bestätigte sich durch eine Mutprobe, zu der mich meine Schulfreundin Gerlinde überredete. Wir Schulmädchen klopften eines Tages an der Eingangstür von Herrn Mende und Gerli fragte ihn ganz keck, ob er denn nicht Gold für uns hätte „von den Grabsteinen“. Ganz verwundert schaute er uns Schulmädchen an und lud uns ins Haus ein. Dann hielt er uns einen kurzen Vortrag darüber, die man die Inschriften auf Grabsteinen und Denkmälern vergoldet. Ja, und man glaubt es kaum, tatsächlich händigte er Gerli ein Heftchen mit ein paar Blättchen Blattgold aus, und ich durfte es auch berühren und probieren, wie fein es sich anfühlt. Damals lernte ich auch wieder eine Lektion: nämlich dass auch hinter einer rauen Schale ein weicher Kern steckt. Und dass man manchmal Initiative ergreifen muss, um etwas zu ergründen, statt kritiklos ein für allemal Behauptungen anderen zu akzeptieren.

Weitere Mutproben

Ja, das war noch eine harmlosere von Gerlis Mutproben. Beim Sprung vom Garagendach neben ihrem Elternhaus in extrem hohen Schnee wäre ich fast erstickt, weil ich im Schnee steckte und mich nur mit Müh‘ und Not befreien konnte. Die Schneehöhe im Garten der Familie Martin dürfte in diesem Rekordwinter ca. 180 cm betragen haben. Auch Gerlis Idee, auf eine ziemlich hohen Buche an einem Hang zu klettern, erwies sich als weniger gut, den ich kam zwar relativ leicht herauf, aber ziemlich geschockt wieder herunter. Nun, Klettern war nie mein Fall und wird es wohl auch nicht mehr werden!

Die junge Dame hatte etwas von einer Unbekümmertheit, die mich faszinierte, weil ich nicht wie sie den Mut hatte, jemanden einfach anzuquatschen oder leichtfertig etwas Neues auszuprobieren. Doch ihrer Sorglosigkeit habe ich auch ein Erinnerungsstück zu verdanken, das mir ein Leben lang bleibt. Und das kam so: Radfahren war gang und gäbe. Vom Kinderfahrrad mit Stützen bis zu Fahrten querfeldein und freihändigem Fahren war das Radfahren Teil meines Lebens, und ich war eine wendige und geübte Radfahrerin.

Das Problem war nur, dass wir uns Wettrennen lieferten, längs dem Mühlbach – manchmal durchquerten wir den Park, manchmal fuhren wir auf der Straße, was das Zeug hielt. Einmal geschah es dann. Bei einem verpatzten Abbiegemanöver auf dem geschotterten Weg dort, wo es links zur Smollimühle, rechts in den Graben geht, berührten sich unsere Fahrräder. Ein heftiger Ruck! Gerli konnte sich befreien und fuhr weiter. Ich fiel mit voller Wucht auf den hellen Schotter mit seinen spitzen Steinchen. Zunächst galt meine Sorge nur meinem Fahrrad. Aber dann merkte ich, dass ich blutete. An der linken Handinnenseite hatte ich eine klaffende Wunde, in der Sand und Steinchen klebten. Die wischte ich hastig ab und war leicht geschockt.

Meine Angst davor, meinen Eltern dieses Missgeschick zu „beichten“, war groß. Gerli fühlte sich für mich mitverantwortlich. Sie, die Tochter eines Tierarztes in der Grabenstraße, schlug plötzlich einen bestimmten Ton an: „Du kommst jetzt mit mir mit! Ich weiß, der Papa hat da so was, so einen Viehspray, den sprüht er den Kühen aufs Fell und dann geht die Wunde zu.“ Es war niemand im Haus. Gerli beschaffte sich den gepriesenen Spray und wir säuberten die Wunde, nicht besonders sorgfältig, aber immerhin. Dann kam der Spray zum Einsatz, und zu meinem Entsetzen war die Substanz, die sich über meine Wunde legte, war von kräftig violetter Farbe und klebte wie Gummi auf der Haut. Leicht schockiert schon ich das Fahrrad nach Haus. Da war nichts zu verbergen: Meine Angehörigen sahen die tierärztlich versorgte Wunde und schlugen die Hände zusammen. Fünf Woche lief ich mit einem Verband herum, und als er abgenommen wurde, leuchtete mir eine Narbe entgegen , etwas drei Zentimeter im Durchmesser. Sie hat mich nie beeinträchtigt. Sie erinnert mich an unsere wilden Radrennen. Ist doch nett, oder?

Ein Schnee- und Eisparadies

Weil gerade von hohem Schnee die Rede war… Der Mühlbach vorm Haus erleichterte die Schneeräumung beachtlich. Die Hausbesitzer entledigten sich des Neuschnees, indem sie ihn in den Bach schaufelten bzw. schubsten. Mir ermöglichte der Mühlbach in meinen Volksschuljahren einen privaten Eislaufplatz im Garten. Mit Brettern wurde ein Areal geschaffen und Eimer und Eimer wurde Wasser vom Mühlbach geholt. Ein Geben und Nehmen – keiner hatte etwas dagegen.

Nun, mir waren als Kind große Schneemengen nur Recht. Das emsige Treiben der Erwachsenen empfand ich als übertrieben. Ich las von Orten, die eingeschneit waren und von Schülern, die wegen großer Schneemengen schulfrei bekamen. Doch immerhin durfte ich „Eisprinzessin“ sein, bewundert lediglich von zwei, drei Schneemännern, die wir gemeinsam bauten.

Und ich konnte im Garten Schneetunnel graben. Dem Zaun entlang gelang dies besonders leicht. Endlich einmal so gut versteckt, das mcih niemand finden konnte, eine geheimnisvolle Wekt im Schnee, wenn auch nur für Augenblicke, vielleicht auch für Minuten. Die Winterausrüstung war nicht so ausgetüftelt wie heute, auch gab es wasserabweisende und atmungsaktive Textilien noch nicht. So endete ich immer erhitzt und durchnässt zugleich. Schön war’s!

Sommersport am Bach

In einem Respektabstand vom Mühlbach spielte sich auch mein Sommersport vorm Haus statt. Ballspiel im eingezäunten Garten, Federballspiel auf der Straße zwischen Wohnhaus und Aufgang zur Stocksteinerwand. Heute wäre dies undenkbar, weil die Straße viel stärker frequentiert ist. Mitunzer vollführten Kinder dort auch ihre Kunststücke mit dem Rad, wie beispielsweise Freihändigfahren oder sich in großem Tempo von der Stocksteinerwand herunterlassen. Auch ohne Sturzhelme und – was ich heute imme rnoch bemerkenswert finde – ohne Schutzgeländer längs des Mülhlbachs (erst im Herbst 2013 wurde ein Geländer errichtet) – gab es nie einen Unfall. Waren wir besonders geschickt, oder passte man nur einfach besser auf, wenn man nicht bevormundet wird? Ich kann es nicht beurteilen.

Der Schützenpark verliert an Glanz

Ruhiger hätte ich es hingegen im Schützenpark. Dieser war noch in den Siebzigerjahren eine Idylle, wurde jedoch Jahr für Jahr steriler, seiner Stimmung beraubt. Die stolzen Kastanienbäume wurden gestutzt und leiden nun wie alle anderen Kastanien Europas unter der Miniermotte. Die gekiesten Wege wichen einem breiten Durchzugspfad. Etliche Büsche und Bäume wurden entfernt. Der Rückbau des Baches brachte zwar mehr Lebendigkeit der Szenerie, verkleinerte aber den Park optisch. Alles in allem keine Idylle oder Romantik mehr.

Das alte Schützenhaus, das zuletzt als Büro des Roten Kreuzes diente, vermisse ich immer noch, weil es den Park mitgestaltete. Und weil ich als Kind dort gerne auf den Stufen spielte. Der Nachbargarten – damals auch reicher an Vegetation als heute – schmiegte sich daran. All das hatte etwas Verträumtes. Der Rasen war nicht kurzgeschoren, sondern es blühten Weißklee und niedrige Wiesenblumen. Wenn die vor Energie strotzenden Kastanienbäume blühten, war der Park in seiner schönsten Pracht. Auf den gepflegten rotlackierten Bänken im Park hielten Familien und Pärchen Rast und viele Angestellten verbrachten ihre Mittagspause im Park.

Das kristallklare Wasser des Mühlbachs

Auf einem Kreuzungspunkt zahlreicher Wege, Straßen, Wanderstrecken gelegen, erfreuten sich Park und Bäche auch großer Beliebtheit der vielen Sommergäste, wie man die Touristen bezeichnete. Immer wieder beobachtete ich, wie sie den Mühlbach bestaunten und sich an dem kristallklaren Wasser und an den zahlreichen Wirbelbildungen, bewirkt durch größere Steine im Bachbett, ergötzten. Dass man bis auf den Grund sehen konnte, begeisterte sie. Mich hingegen wunderte es, dass diese ausländischen Besucher so begeistert waren. Es dürfte also nicht selbstverständlich in aller Welt sein, dass Bäche so klar sind, überlegte ich.

Tierisches bereitet Vergnügen

Sorgte das Bächlein für Staunen, so trug ich bisweilen zum Amüsement der „Sommergäste“ bei, und das kam so. Ich hatte eine wanderlustige Landschildkröte. Damit sie und ich ein wenig Abwechslung erlebten, ging ich mit ihr ab und zu im Park spazieren. „Panti“ marschierte an kühleren Tagen bedächtig dahin. An wärmeren Tagen lief sie etappenweise, an heißen avancierte sie zur Langstreckenläuferin. Als Feinschmeckerin bremste sie sich da und dort ein, um Klee oder Spitzwegerich zu verspeisen.

Unsere Nachbarn waren mit dem Anblick des Mädchens mit der Schildkröte vertraut. Die Touristen zeigten sich interessierter und fragten zumeist freundlich, woher ich das Tierchen habe, wie alt es ist und welches Futter es bevorzugt. Meistens handelte es sich um deutsche Feriengäste aus den unterschiedlichsten Reaktion, und so übte ich mich in Hochdeutsch, um besser verstanden zu werden, und lernte die unterschiedlichsten deutschen sprachlichen Färbungen kennen.

Die Stockstein(er)wand thront über dem Bach

Die Stocksteinerwand, die sich über dem Mühlbach erhebt und nun als Teil der „Altstadt“ Hermagors ein klein wenig etwas Besonderes ist, ist gewiss der älteste Teil der Ortsbesiedlung. Ein kleines steiles Gässchen mit altehrwürdigen kleinen Häusern führt auf eine Anhöhe. Um zur Stadtpfarrkirche zu gelangen, msust eman wiederum eine Treppe hinabschreiten. Auf der Rückseite des Kirchen-Areals ging es hinab zum Mesnerhaus und zum Pfarrhaus und weiter hinab am Pfarrgartengarten vorbei wieder auf Niveau des Mühlbachs, der dort kurz zu erblicken war, aber im Bereich des Engl-Kaufhauses und danach auf eine Strecke verbrettert war, in diesem mir unverständlichen temporären Gefängnis weitereilte, um kurz darauf wieder in der Gössering zu münden.

Der „Untere Markt“

Ab dem Wirnsperger-Haus und Wurian-Haus (vormals Scharschön) befand man sich im „Unteren Markt“, wenn man so will die untere Hälfte der Altstadt. Ein offener Platz, heute natürlich auch nichts als ein Parkplatz, danach ein großes Gebäude, das einmal die Molkerei beherbergte, die später in die Hauptstraße übersiedelte. Ehe man wieder zurück zur Hauptstraße bzw. zum Gasserplatz, benannt nach dem Hotel Gasser, gelangte, ging man an einem besonders malerischen Haus vorbei, dem Wohnhaus des Bildhauers Hans Domenig. Holzstatuen und eine Namenstafel erinnerten daran. Mir gefiel der großzügige Blumenschmuck mit der mächtigen Glyzinie, die sich um Haus und Holzbalkon rankte. Überhaupt hatte diese Passage, von alten Häusern gesäumt, etwas Malerisches und Romantisches.

Links zurück, von diesem kahlen Platz aus betrachtet, hinter dem Wirnsperger-Haus, befindet sich die Zufahrt zum Ebner-Haus. Heute führt dort ein idyllischer Spazierweg zum Schützenpark. Dieser wurde erst vor einigen Jahren angelegt. Die Familie Ebner, die in diesem Zwickel zwischen Gössering und Mühlbach wohnt, stellte lange Zeit Rennrodel her und nicht nur das, Frau Ebner errang zahlreiche Siege auf den Sportrodeln und machte sie dadurch noch begehrter.

Eine lange Geschichte der Wandlungen… E-Werk, Mühle, ein Bad, eine Gerberei, eine Kunstschmiede, eine Rennrodelfabrik, eine Molkerei, eine Mechaniker-Werkstätte, ein Steinmetz, ein Elektrobetrieb, eine Dachdeckerei und Spenglerei, Händler, Ärzte, Therapeuten, ein Dentist, Arbeitsamt, Pfarramt, eine Fleischerei, Handwerker, Beamte, Bauern, Arbeiter, Angestellte, der Tennisplatz beim Haus Domainko und schließlich ein schrulliger Antiquitätensammler auf der Stocksteinerwand – derart Unterschiedliches längs eines Bächleins, ganz zu schweigen von den enormen Vielfalt an weiteren Berufen und Gewerben in der näheren Umgebung. Es war, also ob sich die Quirligkeit des Bächleins auf die Menschen im Umfeld auswirkte und hier einen lebenskräftigen Mikrokosmos zum Sprudeln brachte.

Erfrischende Fahrradtouren

Belebend ist Natur allemal, und so gerne ich ab und zu den Martinzen-Feldweg hinauf zu den Schabus-Wiesen und in Richtung Radnigforst bzw. zum Dorf Radnig spazierte – weit häufiger zog es mich zu Fuß, mit Rad oder sogar eine Zeitlang mit Rollschuhen in den Gösseringgraben. Heute könnte ich mich als Vorläuferin der heutigen Mountainbiker betrachten, denn mit dem alten Steyr-Fahrrad meiner Mutter, das damals viel zu groß für mich, aber sehr geländegängig war, erkundete ich diesen Einschnitt, auch wenn der Weg auf manchen Etappen unbefahrbar war, kämpfte mich auf Steigen durchs Gelände und triumphierte, wenn das Passieren vn Hindernissen gut gelang.

Die erfrischende Luft kräftigte. Immer begleitete mich das Murmeln und Rauschen des Baches. Ich liebte die Gischt des Wasserfalles, das Herabprasseln des Wassers am Wehr. Das Tönen des Wasserfalles begleitet mich noch weit entfernt davon… und ging dann in eine magische Stille über, in der man das Atmen der Natur spürte. Es war mir, als ob die Farne und Fichten mit mir sprachen, ich fühlte mich eins mit der Ntaur und noch heute zehre ich von diesen Eindrücken und suche sie zu wiederholen, wo immer mich der Weg hinführt.

Trendsport und Fitness

In späteren Jahren wurde diese zauberhafte Welt von einer Fitness-Strecke entweiht. Allerlei Geräte wurden, weil es so in Mode war, aufgebaut, seltsame Gestelle aus Holz und Stahl. Im Trend sein wollte natürlich auch ich, und so schnaubte und prustete ich auch eine zeitlang von Station zu Station, versuchte mich in den beschriebenen Übungen und tabte weiter. Das Laufen setzte ich auch noch fort, als die Fitness-Staffeln wieder entfernt worden waren. Seltsam, wie man sich erfährt. Heute noch vermisse ich überall, wo ich laufe, spaziere – mit und ohne Stöcken, bei Sonne und Regen, mit und ohne Begleitung – das Rauschen der Bäche, die sattgrünen, kräftigen Pflanzen, dieses Gemisch aus alpiner Wald- und Aulandschaft.
Nach wie vor befremdet mich dieses sportliche Vorbeihasten an der Natur, dieses Schnauben und Prusten, das mir unangebracht erscheint in einer solchen Gebirgs-Variante des Garten Eden. Als ob Naturgeister und Schutzwesen sorgenvoll zwischen den Bäumen hervoräugten und sich wunderten, wie allerlei verbohrte Menschlein an ihnen vorbeihetzten, die wahren Schönheiten und Geheimnisse der Natur dabei versäumend, weil sie ihre Gefühle abgeschaltet zu haben schienen…

Dabei empfand ich es keineswegs als gefühllos, freute mich, genoss es, meinen Körper zu spräen und etwas Gutes für ihn zu un. Heute, wenn ich wieder dort wandere, genieße ich es erneut, wie damals als Kind, diese Atmosphäre, die die Intensität eines Tropenwaldes oder eines Palmenhauses hatte, jedoch ursprünglich, würzig, sicher,frei…
Wieder nehme ich naiv und dankbar mit meiner Seele all diese mich umgebenden Gefühle auf. Der Duft der Blumen, der Moder des Waldbodens, die ätherischen Gerüche des Nadelbäume und Kräuter, sie erscheinen mit wie Gefühlsboten und vermitteln die Dichte eines ewigen Jetzt.

Die Hundebelagerung

Man sagt, dass die Kinderwelt eine Welt voller Wunder sei. Mitunter ist sie auch eine der Schrecknisse. Ein Bernhardinerhund ist für einen Erwachsenen eine beeindruckende Erscheinung. Für mich als Kind war so ein hünenhaftes Tier ein mächtiger vierbeiniger Riese. Nun verhielt es sich so, dass sich neben unserem Haus ein Tor zur Hölle befand, nämlich eine Fleischhauerei und Schlächterei. Genau ist mir nicht erinnerlich, wie es zu einer solchen Konzentration an Bernhardinern kam. Es waren Hunde eines Fleischhauers und Verwandte der Fleischhauerfamilie, die Familie Klabuschnig, die auf der Stocksteinerwand lebte, hatten auch so ein Riesenexemplar.

An sich ist diese Hunderasse gutmütig und als kinderfreundlich bekannt. Die Liebesgefühle dürften sich aber bei solchen Tieren schle ht auf deren Umgangsformen auswirken. Als die Hündin der Klabuschnigs läufig war, kam es zu einer regelrechten Hundebelagerung. Aus der Ferne sah es aus, als würde sich auf dem Weg eine Löwenherde versammeln.

Für mich bedeutete dieser Ausnahmezustand vor dem Klabuschnig-Haus Sperrgebiet.
Lieber schlug man einen Bogen um die Liebesweerber als sich einer Attacke auszusetzen. Leider sah es eines Tages so aus, als wäre der Spuk vorbei, und ich wagte den Weg zu begehen. Auf einmal tauchte ein Bernhardinerhund wie aus dem Nichts auf und stürzte bellend auf mich zu. Ich musste ihn übersehen haben. Der Schreck fuhr mir in die Knochen, dass ich wie gelähmt war. Vielleicht sah er ein, dass ich nur ein Kind war und von mir nichts zu befürchten war. Er ließ wieder von mir ab.

Da mich vor Jahren – ebenfalls auf der Stocksteinerwand, in einem kleinen Laden – ins Wadl gebissen hatte – war nun mein Vertrauen in Hunde dahin – und ich bin seither keine begeisterte Hundefreundin.

Das Kreuz auf der Stocksteinerwand

Fromme Leute hatten vor dem Kraker-Haus auf der Stocksteinerwand ein Kreuz errichtet. Es wurde mich zum Inbegriff einer Übungssituation für abergläubische Frömmigkeit. Von anderen Kindern wurde ich in den Brauch eingeführt, dass man sich beim Vorbeigehen zu bekreuzigen und zumindest ein kurzes Gebet zu sprechen habe. Und wenn man das nicht tue? wagte ich zu fragen. Die Antwort lautete: „Dann geht’s einem schlecht!“ Wenn man so etwas annimmt – sei es die Verwünschung einer Bettlerin, sei es eine negative Prophezeiung aufgrund „ungünstiger Sterne“ oder sei es solcher Quatsch ist man freilich selbst schuld. Mein Gefühl sagte mir, dass man sich mit einem solchen Ritual etwas Unnötiges aufhalse, aber – nun, so sicher war ich mich der Sache nicht. Schade nur, dass ich nicht mehr ahnungslos war, da hätte ich das Kreuz mit dem gequälten Heiland drauf gar nicht beachtet. So aber probierte ich alles aus: Ich schlich mich vorbei und schaute sorgsam auf die Miene der Christusfigur, ob sie vielleicht enttäuscht ihr Gesicht verzieht. Beim nächsten Mal verhielt ich mich brav, bekreuzigte mich und betete ein kurzes Gebet. Danach fühle ich mich besser – weil ich etwas für meinen Schutz getan hatte. Um es kurz zu fassen: Bald ließ ich die Beterei wieder sein und sagte mir, dass es mir um keinen Deut besser oder schlechter geht, ob ich nun beim Kreuz innehalte und bete oder nicht. Und siehe da – genau so war es.

Petri Heil

Jetzt folgt ein großer Sprung. Auch meine beiden Söhne liebten den Aufenthalt am Mühlbach, als sie klein waren. Sie liebten ihn bloß auf eine andere Weise als ich – sie sind eben Jungs. Sie spielten mit Stöcken, .liefen den Bach entlang, beobachteten ihn in allen Schattierungen und entdeckten bald, dass sich zahlreiche Fische im Mühlbach tummelten. Der ältere der Beiden dürfte sieben oder acht Jahre als gewesen sein, als er die Idee hatte, sich eine Angel zu bauen, um damit einen Fisch zu angeln. Nun ist Angeln an Berechtigungen gebunden. Aber wenn ein Kind einmal Angeln ausprobiert und ausgerechnet versucht, eine Forelle zu fangen…Das Kind baute sich aus einem Stöckchen und einem Bindfaden eine primitive Angel und knotete einen Haken daran. Das Unglaubliche geschah: Obwohl kein Köder vorhanden war, schnappte eine Forelle danach und war gefangen. Alles, was wir tun konnten, war den Fisch schonend zu befreien. Edi aber war mächtig stolz. Angelsportler wurde er übrigens nicht.

Wasser-Kunst

Meine beiden Söhne zeigten schon früh Begeisterung fürs Fotografieren, Filmen und für künstlerisch-kreatives grafisches Gestalten. Naturaufnahmen gehörten natürlich dazu. Ein Zufall wollte es, dass besonders der Mühlbach zum Fotoobjekt avancierte. Vom Kurzfilm bis zu einem umfassenden Filmprojekt, das leider nie fertig werden wollte, beschäftigten wir uns intensive mit dem Mühlbach und weiteren Gewässern in und um Hermagor und hatten dabei viel Spass. Zahlreiche Fotografien und Fotodrucke sind davon geblieben und das Vorhaben, die Projekte so gut es geht doch noch einmal zu verwirklichen.

Version 16.02.2015

Kurzfilm „Magic Mühlbach“ – Gia Simetzberger